Berlin : Die lange Nacht der Sympathie

Berlins Synagogen waren am Wochenende überfüllt. Nachama: Eine Abstimmung mit den Füßen

Amory Burchard

Tausende Berliner haben an diesem Wochenende einen Ausflug ins Judentum unternommen. Für eine „Lange Nacht der Synagogen“ öffneten sich die jüdischen Gotteshäuser erstmals einem breiten nichtjüdischen Publikum. Dieses Event der Jüdischen Kulturtage wurde ein unerwarteter Erfolg. In den vergangenen Monaten war das deutsch-jüdische Verhältnis eher durch antisemitische Misstöne gestört. Doch in der Nacht zum Sonntag bewegte die Massen etwas ganz anderes: Neugier auf das religiöse Leben der Juden.

In der Synagoge Pestalozzistraße bildet sich um den Vorsteher Manfred Alpern ein dichter Kreis von Besuchern. Sie löchern ihn über eine Stunde lang mit Fragen. Warum müssen Männer dieses Käppi tragen? Was bedeutet der siebenarmige Leuchter? Von diesen Frage habe er schon geträumt, ruft Alpern mit gespielter Verzweiflung aus. Für die Kipa gebe es in der jüdischen Tradition 60 Erklärungen. Die einfachste: „Man soll nicht ohne bedeckten Kopf vor Gott treten.“ Und der siebenarmige Leuchter sei das Staatswappen Israels. Als Alpern die Atmosphäre beim Gottesdienst schildert, das muntere Geplaudere am „Ort der Versammlung“, raunt eine Frau ihrem Begleiter begeistert zu: „Wie sympathisch.“

So unverkrampft begegnet man sich in allen sechs Synagogen Berlins. Im Dahlemer Hüttenweg freut sich Rabbiner Andreas Nachama über die unermüdlichen Frager. „Es ist wunderbar, einmal über theologische Themen zu sprechen“, sagt der ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde und Leiter des NS-Dokumentationszentrums Topographie des Terrors. Die Besucher und die Gemeinde hätten das Miteinander in der langen Synagogen-Nacht als Befreiung empfunden. „Nach der monatelangen Antisemitismus-Debatte konnten wir endlich einen Kontrapunkt setzen.“ Die Lange Nacht sei „eine Abstimmung mit den Füßen“.

Auch der orthodoxe Rabbiner Yitshak Ehrenberg ist in der Synagoge Joachimsthaler Straße dicht umlagert. Drei junge Frauen treten an den bärtigen Mann in dem langen schwarzen Gehrock heran. Ob sie mal einen Gottesdienst besuchen dürften? Ehrenberg lädt sie lächelnd ein, am nächsten Freitagnachmittag in den Jugendgottesdienst zu kommen. Gäste, sagt Ehrenberg, seien stets gern gesehen.

In der Synagoge Oranienburger Straße drängen sich noch kurz vor Mitternacht Gäste. Jalda Rebling singt jiddische Lieder. Eine Studentin und ihr Freund wollten eigentlich nur einen Bummel in Mitte machen, als sie Menschen in die Synagoge strömen sahen. Jetzt staunen sie: „Das ist hier ja gar nicht so abgeschottet.“ Der junge Mann grinst unter der schwarzen Kipa, die ihm eine Frau von der Gemeinde auf den Kopf gedrückt hat. Und dann erfahren die beiden, was die Fransen am Gebetsschal bedeuten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar