Berlin : Die Leere nach der Lehre

Die Eiffel-Schule in Prenzlauer Berg wird nach 140 Jahren geschlossen. Alle hoffen, dass etwas von ihr bleibt

Thomas Loy

Bis vor kurzem war Wolfgang Krause eine „schulfremde Person“, jetzt ist er der Schuldirektor mit der Lizenz zum Pausenklingeln. Das Direktorenzimmer hat er sich als Rumpelbude eingerichtet, mit DDR-Memorabilien, Schnapsflaschen, Skat-Spiel und seltsamer Literatur. „Das Dolly-Buster-Buch ist nicht mehr da. Das haben Schüler geklaut.“ Gehört alles zur Inszenierung, auch das Schulsekretariat. „Die Sekretärin trägt ein Kleid wie Lieselotte Pulver und klebt ihre Kaugummis auf den Tisch.“ Ein Kunstprojekt.

Wolfgang Krause lebt die Rächerphantasien tausender Pennäler aus, die durch diese Anstalt geschleust wurden. „15. Gemeindeschule“ hieß das hier mal um 1870, später dann „40. Grundschule“. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten gleich drei Titel herhalten, die „16. Volksschule“, die „40. Volksschule“ und die „3. Hilfsschule“. 1991 wurde daraus dann die „1. Hauptschule“ und 1999 bekam die Schule endlich einen richtigen Patron: Gustave Eiffel. Name gut, alles gut?

Mitnichten – denn vor großen Namen schrecken Schulbehörden nicht zurück. Die Schule an der Kastanienallee 82, der älteste Schulstandort in Prenzlauer Berg, wird nach fast 140 Jahren dichtgemacht. Vor 10 Tagen zogen die letzten Klassen ab. Dann übernahmen Dozenten und Studenten der Kunsthochschule Weißensee das 9000 Quadratmeter große Gelände mit fünf Gebäuden, spielten, deuteten, installierten und verfremdeten. Und nun ist endgültig Schluss. Zapfenstreich. Finito. Aus. Kein Türenschlagen mehr, kein Ranzenwerfen, kein Schubsen oder Küssen. Und kein Pausenklingeln.

„Haus 1“, direkt an der Straßenfront gelegen, ist mit den Jahren trutzig geworden. Stark ramponiert, aber unbesiegt. Schulgebäude sind Prügelknaben. Die Wände tragen schwarze Wundmale, viele Fenster sind gesprungen. An den Stirnseiten der Klassenzimmer öffnen sich Bohrlöcher. An ihnen hielten sich noch bis vor kurzem die Tafeln fest. Die klobigen Heizkörper bollern lauwarm weiter. Auf dem Boden liegt Staub, die Schuhabdrücke konserviert. Es riecht schwach nach einem Urin-Putzmittel-Gemisch. Neugebaut wurde das Haus in den 60er Jahren, nüchtern, schmucklos, grob verputzt. Breite Treppen führen in breite Flure. Man rechnete mit vielen Schülern. Jetzt, 40 Jahre später, sei die Schule viel zu groß für die wenigen Kinder, heißt es. Deshalb mussten sie in ein neues Gebäude umziehen. Die Häuser der Kastanienallee 82 sollen eine Sprachenschule übernehmen, keine für Kinder, sondern eine für Manager.

Peter Müller ist noch Hausmeister der verlassenen Schule. Er wohnt in der 112-Quadratmeter-Hausmeisterwohnung mit Blick auf den leeren Schulhof und hat sein Kündigungsschreiben schon in der Tasche. Seit zwei Jahren wühlt er sich in die Geschichte der Schule, befragt ehemalige Schüler und Lehrer und ist auf fabelhafte Novellen gestoßen. Die fabelhafteste hat er in der Schulvitrine dokumentiert – ihr Titel: „7d – die verschwundene Klasse“. Ein fiktives Abenteuer.

Im Sommer 1961, kurz nach dem Weltraumflug Gagarins und vor dem Mauerbau, wird eine ganze Schulklasse samt Lehrerin vermisst. Niemand erfährt, was geschehen ist. Aber viele machen sich so ihre Gedanken. Peter Müller hat acht Zeitzeugen befragt und fünf Versionen erhalten. Einmal ist es ein Zugunglück („Die hatten Sonderurlaub erhalten, um auf eine Klassenfahrt in die Sowjetunion zu gehen. Mit dem Zug der Besten.“). Andere vermuten eine kollektive Flucht in den Westen. These drei geht so: Die Schüler wurden in einem Modellversuch fern jeder Zivilisation zu kommunistischen Menschen erzogen. Eine andere Zeugin glaubt an eine Verseuchung in der Sowjetunion. („Einige hatten Haarausfall.“) Letzter Erklärungsversuch: Ins All geschossen und nicht zurückgekommen. Was stimmt: das Ganze war ein Hirngespinnst.

Peter Müller hofft, dass zumindest die Vitrine über die 7d erhalten bleibt, wenn die Sprachschule einzieht. Die anderen Dokumente in seinem Archivzimmer – alte Zeugnisse, Diktate, Stundenpläne, Klassenfotos – könnte vielleicht das Heimatmuseum übernehmen. Die Schule an der Kastanienallee hat kurz vor ihrem Ende ein Gedächtnis bekommen. Das ist ein Trost, immerhin.

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