Berlin : Die Lehre aus Pisa: Mehr Ganztagsschulen

Senator Klaus Böger gibt den Startschuss – doch es bleiben noch einige Unstimmigkeiten

Katja Gartz

Der Startschuss für Berlins neue Ganztagsgrundschulen ist gefallen: Stellvertretend für alle anderen eröffnete Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern die Cäciliengrundschule in Wilmersdorf. Sie profitiert vom Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung", das die Bundesregierung als Konsequenz aus der Pisa-Studie aufgelegt hatte. Eine Million Euro kostete der Umbau der Lern-, Ruhe- und Essensräume.

Diese Million gehört zu den insgesamt elf Millionen Euro, die Berlin allein 2003 aus dem Bundesprogramm erhält. Bis 2006 kommen noch 136 Millionen dazu: Die Bildungspolitiker gehen davon aus, dass die Quote der Schulversager erheblich gesenkt werden kann, wenn insbesondere sozial benachteiligte und ausländische Kinder ganztags die Schule besuchen können. Sie wären dann länger in einem deutschsprachigen Umfeld und könnten zusätzlich gefördert werden.

Aufgrund des langen Planungsvorlaufs in den Bau- und Schulämtern war es allerdings nicht so einfach, die ersten elf Millionen so auszugeben, dass sie das Ziel – zusätzliche Betreuung in sozialen Brennpunktschulen – auch erreichen. Wegen des Zeitdrucks wurden auch Anträge von Schulen akzeptiert, die bereits einen Ganztagsbetrieb haben und lediglich ihre räumliche Situation verbessern wollten.

Eine Umfrage des Tagesspiegels in den 17 „neuen“ Ganztagsgrundschulen ergab, dass rund die Hälfte längst einen offenem Ganztagsbetrieb anbietet. So ist die Kurt-Tucholsky-Grundschule in Moabit bereits seit 1975 Ganztagsschule mit freiwilliger Nachmittagsbetreuung. Ähnliches gilt für die Grundschule am Wasserturm und die Nehring-Grundschule. Somit drängt sich die Frage auf, ob die Bezirke das Bundesprogramm einfach nur nutzen, um ihre maroden Schulgebäude zu sanieren. „Das wäre angesichts der leeren Kassen sogar nachvollziehbar", sagt die für Grundschulen zuständige Senatsmitarbeiterin Silvia Wagner-Wels. Das Hauptproblem war jedoch die knappe Zeit: „Da erst vor den Sommerferien vereinbart wurde, welche Bundesmittel in Berlin investiert werden, war der Vorlauf zu kurz für aufwendige Umbauten", sagt die Senatsmitarbeiterin. Der Zeitdruck führte auch dazu, dass ausgerechnet in den Brennpunktbezirken Neukölln, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg kein einziges neues Ganztagsangebot hinzugekommen ist. „Unser Antrag wurde nicht bewilligt, weil die Genehmigung durch das Bauamt so lange dauerte“, berichtet die Schulleiterin der Carl-Kraemer-Grundschule in Wedding. Hier sind 80 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft.

Auch in Friedrichhain-Kreuzberg laufen noch die Vorbereitungen für die künftigen Ganztagsgrundschulen: „Die Nürtingen- und die Hunsrück-Grundschule gehen mit dem Ganztagsbetrieb ein Jahr später ans Netz", berichtet Jugenstadträtin Sigrid Klebba (SPD). In Neukölln mangelt es den Schulen an ausbaufähigen Gebäuden , so dass aufwendige Ergänzungsbauten errichtet werden müssen. Fünf Grundschulen beginnen hier mit ihrem Ganztagsbetrieb erst 2004. Davon bieten zwei die gebundene und drei die offene Ganztagsform an.

Beim „offenen Ganztagsbetrieb“ handelt es sich im Grunde um eine Halbtagsschule mit Hortplätzen. Die Nachmittagsbetreuung ist freiwillig und kostenpflichtig. In der so genannten „gebundenen Ganztagsgrundschule“ werden Unterricht und Freizeit von den Pädagogen eigenverantwortlich in den acht Stunden Anwesenheitspflicht aufgeteilt. Die Eltern zahlen nur für das Mittagessens. Bei entsprechender Nachfrage kann die Betreuung auch vor 8 Uhr bzw. nach 16 Uhr erfolgen. Allerdings wird hierfür Entgelt berechnet. 18 Grundschulen mit gebundenem Ganztagsbetrieb gibt es in Berlin bisher. Insgesamt 30 sollen hinzukommen.

In den kommenden Tagen berichten wir, wie die Marienfelder Alfred-Adler-Grundschule ihren neuen Ganztagsbetrieb meistert.

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