Berlin : „Die Lehrerausbildung muss praxisnäher werden“

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Berlins Gymnasien haben bei Pisa mäßig abgeschnitten. Müssen wir umlernen?

Alle in der Bundesrepublik müssen umlernen. Was wir jetzt bei Pisa festgestellt haben, ist das Resultat einer lang anhaltenden Fehlentwicklung. Die Bildung muss zu besseren Ergebnissen kommen, bei den Leistungen und bei der Frage der Chancengleichheit. Es geht um Fördern und Fordern aller Schüler.

Was ist denn falsch gelaufen?

Nehmen wir die Integration von Migrantenkindern: Es wurde zu lange diskutiert, ob Deutsch gelernt werden soll, statt zu klären, wie es zu lernen ist.

Warum ist Ihnen das nicht zu Beginn Ihrer Amtszeit vor zweieinhalb Jahren aufgefallen? Warum nicht Ihren Vorgängern?

Fehlentwicklungen hat es seit Jahren gegeben. Deshalb sind wir ja dabei, umzusteuern. Wir haben Reformen eingeleitet und die Rahmenbedingungen verbessert. Der Unterrichtsausfall wurde drastisch verringert. Wir werden Kitas, Vorschule und Grundschule stärken. Es gibt eine Stunde mehr Deutschunterricht, um das Lesen zu fördern. Das sind wichtige Schritte. Wir werden Qualitätsstandards setzen und die Sprachförderung von Migrantenkindern intensivieren. Wir werden auch die Didaktik und Methodik des Unterrichts weiterentwickeln. Ich habe immer zu denen gehört, die für Qualitätsmessungen eintreten - trotz mancher Widerstände. Dank Pisa haben wir endlich eine Abkehr von mancher Dogmatik.

Wir wussten doch auch ohne diese Messungen schon, dass rund ein Viertel der ausländischen Jugendlichen keinen Abschluss macht.

So eindeutig sind Statistiken allein nicht. Zum Beispiel erfahren wir nicht, wie viele dieser Kinder erst später zu uns kamen und wie viele die Berliner Schule ganz durchlaufen haben.

Aber es ist doch skandalös, dass ausgerechnet Berlin mit seiner großen Migrantenerfahrung Lehrpläne für „Deutsch als Zweitsprache" aus Bayern übernehmen muss. Eigentlich müsste doch Berlin in diesem Bereich Vorreiter sein.

Die Bayern haben aber gerade einen neuen Lehrplan entwickelt. Warum sollten wir ihn nicht übernehmen, wenn er gut ist? Wir sollten jetzt nach vorn sehen.

Da vorn sehen wir die erfolgreichen Deutschkurse für ausländische Mütter. Die Finanzierung steht in den Sternen.

Ich verlange von den Bezirken, dass sie die Mütterkurse aus dem Budget der Volkshochschulen bezahlen. Wir müssen die Mittel auf die Mütterkurse konzentrieren, denn ich kann und will kein neues Geld drucken. Ich verlange auch von der Gesundheitssenatorin und von der Ausländerbeauftragten, dass sie ihr Geld dafür einsetzen.

Wann bekommt Berlin denn vom Bund seinen Anteil von den vier Milliarden Mark für die Ganztagsschulen?

Wie und wann das Geld verteilt wird, ist noch nicht vereinbart. Ich fordere aber, dass Städten mit großer Migrantenproblematik besonders geholfen wird.

Soll der Bund generell mehr bildungspolitische Kompetenzen übernehmen, damit Deutschland besser auf Pisa reagieren kann?

Die Föderalismusdiskussion ist nicht die zentrale Frage. Vielmehr geht es darum, wie Deutschland in kurzer Zeit den Anschluss an die europäische Spitze gewinnen kann. Dem hat sich alles andere unterzuordnen. Ich glaube nicht, dass automatisch etwas besser wird, wenn man die Zuständigkeiten ändert. Allerdings bin ich dagegen, dass alle 16 Länder ihre eigene Suppe kochen. Im Übrigen hat die Kultusministerkonferenz in den vergangenen zwei Jahren schon erhebliche Sprünge nach vorn gemacht .

Wie weit soll denn die Gemeinsamkeit gehen?

Ich bin für bundeseinheitliche Kern-Lehrpläne, für einheitliche Qualitätsmaßstäbe, und ich habe auch nichts gegen eine einheitliche Rahmengesetzgebung. Aber wenn der Bundeskanzler zu Recht sagt, dass die Kindergärten Bildungseinrichtungen werden, dann müssen die Länder und Gemeinden auch in die Lage versetzt werden, das zu finanzieren.

Wird die Reform der Lehrerausbildung weiterhin die Sache jedes einzelnen Landes sein?

Möglicherweise ja. Ich werde in den nächsten Tagen ein Reformkonzept vorlegen.

Wie sieht das aus?

Die Ausbildung wird kürzer. Wir werden Fachstudium, Didaktik und erziehungswissenschaftliche Komponenten in einen klaren Zusammenhang bringen. Das Studium muss praxisnäher werden. Und das Referendariat soll kürzer werden. Dieses Konzept hat den Vorteil, dass es von allen Berliner Universitäten mitgetragen wird. Wir wollen damit 2003/04 als Modellversuch beginnen.

Haben die jüngsten Qualitäts-Diskussionen noch Einfluss auf das neue Schulgesetz?

Wir werden bei der Selbstständigkeit der Schulen noch nachbessern. Zum einen sollen die Schulleiter Dienstherreneigenschaften bekommen, die bisher beim Landesschulamt liegen. Zum anderen sollen die Schulen bei der Einstellung von Personal viel mehr Freiraum erhalten. Nordrhein-Westfalen macht gerade in 100 oder 200 Schulen den Versuch, dass die Einstellung der Lehrer über die einzelne Schule erfolgt. Ich halte das für einen gangbaren Weg.

Berlin hat mit dem Problem zu kämpfen, dass einerseits die Gesamtschulen den Hauptschulen die Schüler wegnehmen, so dass die Hauptschulen zu Restschulen verkommen. Und andererseits kann die Gesamtschule nicht reüssieren, weil die starken Schüler zum Großteil an die Gymnasien gehen. Wie lange will sich Berlin dieses Doppelproblem noch leisten vor dem Hintergrund, dass die erfolgreichen Pisa-Staaten reine Gesamtschulsysteme haben?

Es stimmt, dass Pisa keinen Anlass gibt, auf Gesamtschulsysteme zu schimpfen. Im Gegenteil. Länder mit Gesamtschulsystemen liegen international weit vorne. Dort gibt es aber keinen Streit über Schulstrukturen. Das ist beneidenswert! Alle Kultusminister - und ich kann das unterstreichen – sind dagegen, jetzt wieder einen Schulstrukturstreit wie in den 70er Jahren zu führen. Entscheidend ist die Durchlässigkeit zwischen den Schularten. Es darf auf dem Weg zum Schulabschluss keine Sackgassen geben.

Es wird also dabei bleiben, dass sich die Schularten gegenseitig kaputtmachen?

Das sehe ich nicht. Wettbewerb zu fairen Bedingungen ist aber gut und richtig. Natürlich ist es schwierig, in einem stark gegliederten System alle Schularten zum Blühen zu bringen. Wir müssen die Qualität in allen Schularten verbessern. Das betrifft besonders auch die Hauptschulen mit ihrer schwierigen Schülerklientel.

Aber wie?

Wir haben schon jetzt sehr vernünftige Modelle, etwa in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Und es gibt auch Gesamtschulen, die trotz der Konkurrenz mit den Gymnasien erkennbar gute Leistungen bringen. Die werde ich ebenfalls sehr gezielt weiter fördern, um sie als wettbewerbsfähiges Modell zu erhalten. Im Übrigen wird es einen Kampf um die knapper werdenden Schüler geben. Manche Schulen werden geschlossen oder zusammengelegt. Das ist keine Frage der Schulart, sondern der Nachfrage. Ich wünsche mir einen fairen Wettbewerb.

Das Interview führten Brigitte Grunert und Susanne Vieth-Entus

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