Berlin : Die letzte Schicht des Ersten Helfers

Hans Grajetzki ist der dienstälteste Notarzt Berlins. Er hat jede Verletzung gesehen, hat 13 000 mal Leben gerettet oder sich vergeblich bemüht. Jetzt geht er in Rente

Thomas Loy

„’Ne Rea in Schmargendorf?!“ Gerade zurück am Stützpunkt, unzählige Straßen, Autoschlangen und Ampeln von Schmargendorf entfernt, darf man diese Frage schon mal stellen. Bei einer Reanimation wäre ein Hubschrauber das geeignetere Einsatzmittel, doch der fliegt gerade woanders hin. Also steigt Hans Grajetzki wieder in den Notarztwagen und fügt sich in seiner schier endlosen Geduld dem tosenden Meer menschlichen Schicksals, das ihn schon seit 12 Stunden umbraust. Stress? „Ach nöö.“

Was bisher geschah: Ein Motorradunfall, ein frischer Herzinfarkt, ein Sturz von einer Brüstung, eine Unterzuckerung, ein Herzkammerflimmern. Alles glimpflich verlaufen. Einfach zu diagnostizieren für einen Notarzt kurz vor Phase 4, der „berechtigten Sicherheit“. Diese Phasentheorie hat sich Grajetzki in seinem langen Berufsleben zurechtgelegt. Phase 1 ist der Anfänger-Arzt in „berechtigter Unsicherheit“, Phase 2 „unberechtigte Sicherheit“, Phase 3 „unberechtigte Unsicherheit“. Phase 4 ist quasi das nie erreichte Ziel medizinischer Gewissheit. In Phase 1, erzählt Grajetzki, stand er nach seiner ersten Leichenschau nachts noch zweimal auf und kontrollierte in der Pathologie, ob der Patient immer noch tot war. Jetzt, kurz vor Phase 4, spult sein Hirn eigentlich alles Notwendige automatisch ab. Je älter man wird, sagt Grajetzki, desto mehr beschränkt man sich auf wenige entscheidende Handlungen. 65 ist er gerade geworden. Solange halten nur die wenigsten Notärzte durch. Niemand in Berlin fährt länger auf dem Notarztwagen der Feuerwehr als Grajetzki. Diese 24-Stunden-Schicht ist seine letzte. Danach geht er in Rente.

Jetzt also zur Reanimation. Der Notarztwagen kreischt und quietscht über den Asphalt, wirft sich in die Kurven, dass es einen von den Sitzen haut, bremst abrupt, fährt wieder an und steht endlich vor einem Pflegeheim in Schmargendorf. Drei Sanitäter vom Rettungswagen sind schon lange da, pumpen am leblosen Körper einer alten Frau, die auf dem Teppich ihrer Wohnstube liegt. Grajetzki gibt eine Adrenalinspritze, bespricht sich flüsternd mit dem Hausarzt und bricht die Aktion nach wenigen Minuten ab. Hier gibt es nichts mehr wiederzubeleben.

In mehr als drei Jahrzehnten hat Grajetzki rund 13 000 Noteinsätze mitgemacht. Gesehen hat er alles, vom Flugzeugabsturz mit vielen zerfetzten Leichen bis zum Kind, in dessen Leib ein Rad der Straßenbahn hineingefahren war. „Muss ich jetzt sterben?“, fragte das Kind. Nein, log Grajetzki und gab ihm eine Beruhigungsspritze. Das Kind hatte keine Chance. Solche Einsätze vergisst Grajetzki nicht. Wenn Kinder sterben, brechen die Emotionen durch alle professionellen Kontrollschranken. Die Bilder dieser grauenvollen Szenen sind präsent, aber sie stören nicht seine psychische Balance. Er habe nach einem Einsatz noch nie eine Betreuung gebraucht, sagt der Notarzt.

Ein Rettungsmediziner sieht die ganze Bandbreite menschlichen Unglücks – und die Absurditäten darin. Selbstmörder, die verzweifelt waren, dass es wieder nicht geklappt hat. Ein Sohn, der Grajetzki verklagen wollte, weil er seinen asthmatischen Vater vor dem Ersticken bewahrt hatte. Das Geld aus der Lebensversicherung sei doch schon fest verplant gewesen. Die herzkranke Frau, die nachts Alarm schlug. Als sie mit sechs Mann eintrafen, um ihr Leben zu retten, wies sie auf das Fläschchen mit den Herztropfen. Sie bekomme den Deckel einfach nicht auf. Szenen einer tolldreisten comédie humaine.

Bei Hans Grajetzki war schon früh klar, wo es lang geht. Arzt oder Feuerwehrmann wollte er werden – also wurde er beides. Und natürlich muss ein Mann wie er im Ruhestand weiterarbeiten. Vorträge will er halten, Anästhesieschwestern und Rettungssanitäter weiterbilden, für Hilfsorganisationen arbeiten. Notarztschichten wird er nicht mehr machen, obwohl sein Organismus perfekt an diese Lebensform angepasst ist. Grajetzki kann um Mitternacht eine Kanne Kaffee trinken und sich danach im holpernden Notarztwagen schlafen legen. Beim regulären Zubettgehen zu Hause ereilt ihn gelegentlich ein gefährlicher Sekundenschlaf. Das geht dann so schnell, dass der Befehl zum Zudecken seine Arme gar nicht mehr erreicht. Stunden später wacht er dann mit leichter Unterkühlung wieder auf. Hans Grajetzki ist unverkennbar ein medizinisches Wunder.

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