Die letzte Szene : Kunst und Subkultur in Not

Gerade in Mitte sind Kulturorte bedroht, die den Mythos Berlin begründet haben Der Kommerz scheint die Kunst zu verdrängen. Stimmt diese These? Ein Rundgang durchs Krisengebiet.

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Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis überbrücken. So soll die Brückenkonstruktion aussehen. Im Hintergrund ist der Hofgenerator zu sehen. Der Strom ist abgestellt worden und die Künstler müssen sich selbst helfen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Jakob Hauser
06.05.2011 08:18Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis...

Noch ist Bolles alte Eisfabrik an der Köpenicker Straße ein Ort voller Möglichkeiten: großzügig, leer, baufällig. Graffiti überzieht die Gebäude, die Halle des ehemaligen Kesselhauses ist hoch wie ein Kirchenschiff. Ein Ort, bei dem „sofort die Fantasie anspringt“, findet der Architekt Gerhard Spangenberg, der bereits das „Radialsystem V“ auf der gegenüberliegenden Spreeseite neu gestaltet hat. Doch Spangenbergs Vision, das Gelände zu einem Kulturort zu machen, ist bedroht. Die Bagger sind schon da.

Gerade in Mitte sind zahlreiche Kulturorte bedroht. Zwar gibt es Erfolgsgeschichten wie die vom Haus Schwarzenberg, auch die Kalkscheune hat sich mit ihren lärmempfindlichen Nachbarn geeinigt. Aber da sind eben auch das Kunsthaus Tacheles, der Schokoladen in der Ackerstraße oder die Fotogalerie C/O Berlin. Sie stehen schon seit längerem vor großen Herausforderungen, sind insolvent oder wurden von den neuen Eigentümern ihrer Immobilien gekündigt.

Auch im Fall der Eisfabrik könnte der Kommerz die Kunst verhindern: Ein Bochumer Investor hat Gerhard Spangenberg beauftragt, die Eisfabrik zu sanieren, hier soll unter anderem Kunst ausgestellt werden. Doch die Eigentümerin des Areals, die bundeseigene TLG Immobilien, hat dem Bochumer nur rund ein Viertel des Geländes verkauft – den Rest will sie selbst vermarkten. Vier alte Kühlhäuser sind bereits entkernt, an ihrer Stelle sollen Apartments mit Spreeblick entstehen.

„Damit wäre die Nutzung der Eisfabrik gefährdet“, warnt Spangenberg. Musik und Publikumsverkehr könnten die Nachbarn stören, Ärger wäre programmiert. Ein Kaufangebot des Bochumer Investors habe die TLG jedoch ausgeschlagen. Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Alice Ströver, fordert für die Eisfabrik und andere nicht öffentlich geförderten Kulturstätten Unterstützung vom Senat, „die manchmal weniger materieller als vielmehr beratender und vermittelnder Natur sein kann“. Schließlich ist es doch gerade die Subkultur, die die Stadt – auch – ausmacht. Christian Tänzler, Sprecher der Berlin Tourismus Marketing, jedenfalls betont ihre Bedeutung: Die Hälfte aller Touristen sei unter 40 Jahre alt, ein Drittel sogar unter 30. Dieses Publikum interessiere sich hauptsächlich für Kultur. „Berlin ist dafür bekannt, dass es hier ein bisschen schräger, alternativer, avantgardistischer zugeht als in anderen Metropolen“, sagt Tänzler. Die deutsche Hauptstadt sei ein „Sehnsuchtsort“ für viele junge Leute. Dass die Sehnsucht des Easyjetsets zugleich ein Standortfaktor ist, zeigen die Zahlen: Im Jahr 2009 nahmen Berlin und der Bund zusammen 1,85 Milliarden Euro Steuern aus dem Tourismus ein, fast acht Milliarden Euro wurden umgesetzt. Hier sind Kunst und Kommerz kein Gegensatz.

Umso dringlicher scheint es, gefährdete Kultureinrichtungen zu erhalten, oder? „Diese Stadt hat noch so viele noch nicht wachgeküsste Orte, da möchte ich nicht die Alarmglocke läuten“, sagt Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD). Doch auch er sieht Probleme: „Die Oranienburger Straße ist schon fast gekippt, da muss die Politik dringend gegensteuern“, sagt er – und schränkt ein: „im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“

So sei etwa im Bebauungsplan für das längst verkaufte Tacheles eine Kulturnutzung festgeschrieben, daran müsse sich ein Investor halten. Und: „Wir versuchen, Einfluss zu nehmen auf den Käufer, die HSH Nordbank“, sagt Schmitz. Andererseits könne er niemandem verbieten, sein Grundstück weiterzuverkaufen. Zumal der unbebaute Teil des Areals ein Entwicklungspotenzial von mindestens 500 Millionen Euro habe. Martin Reiter, Vorstand des Tacheles-Vereins, sagt: „Wir warten auf das Schwert von oben“ – auch wenn man das Haus nicht ohne Weiteres räumen werde. Der Verein fordert, das Kunsthaus in eine gemeinnützige Stiftung zu überführen, das Freigelände könne ruhig entwickelt werden. „Wo ein politischer Wille ist“, sagt Reiter, „ist auch ein finanztechnischer Weg“.

Die Grüne Alice Ströver ärgert sich derweil über ein „Strukturproblem der Politik“. Das Land veräußere Immobilien, anstatt „Flächen und Räume für die Kreativwirtschaft vorzuhalten“. Benötigt würden Immobilien, die Investoren oder bedrohten Institutionen als Ausweichmöglichkeiten angeboten werden könnten. Das gelte auch für nicht öffentlich geförderte Kulturorte. So wurde dem „Theater im Schokohof“ zwar für das Jahr 2011 Spielstättenförderung bewilligt – „aber die nützt nichts, wenn wir hier raus müssen“, sagt Matthias Horn, Theaterleiter und Vorstand im Schokoladen e.V. Das Gebäude des Wohn- und Kulturprojekts wurde verkauft, dem Theater ist zum 31. Dezember 2010 gekündigt. Zwar hat der Verein 1,1 Millionen Euro aufgebracht, um das Grundstück zu kaufen – der Besitzer lehnt das Angebot aber bisher ab.

„Der Bund in Verbindung mit dem Liegenschaftsfonds könnte helfen“ und dem Investor ein Ersatzobjekt anbieten, sagt Horn. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) weist jedoch darauf hin, dass der Besitzer kein Ersatzobjekt wolle. Bei mehreren Runden Tischen sei er „nicht gesprächsbereit“ gewesen. Und zwingen könne man ihn ja nicht.

Die Galerie C/O Berlin hat zumindest Optionen. Die israelische Elad Group hat das alte Postfuhramt an der Oranienburger- Ecke Tucholskystraße gekauft und plant unter anderem ein Hotel. Der Mietvertrag läuft Ende März 2011 aus. Erste Priorität von C/O-Geschäftsführer Stephan Erfurt ist es nun, mit den neuen Besitzern zu verhandeln, dass die Galerie – 300 000 Besucher jährlich, fast 50 fest angestellte Mitarbeiter – noch bis Ende 2012 bleiben kann, André Schmitz und auch Klaus Wowereit unterstützen ihn dabei. Allein: Ergebnisse gibt es noch keine. Und über ein neues Domizil ist auch noch nicht entschieden. Die Idee, im nahen Monbijoupark einen gläsernen Galerieneubau hochzuziehen, ist kaum realistisch. Der Bezirk will die Fläche nach Abriss der gegenwärtig dort bestehenden Hallen zum „Anwohnerpark“ machen. Grün statt Glas, so hat es die BVV beschlossen. Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hat der Versammlung jedoch vorgeschlagen, sich die Pläne der Galerie noch einmal anzuhören: „Das sind wir dem Projekt schuldig“.

Weitere Ausweichmöglichkeiten wären der an das Tacheles-Gelände angrenzende Parkplatz – ein eher wenig versprechender Ort, schließlich wäre auch hier ein Neubau nötig – sowie die ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße, nur 200 Meter vom ehemaligen Postfuhramt entfernt. Hier würden gegenwärtig die Kosten für einen nötigen Umbau ermittelt, Denkmalschutz- und Sicherheitsfragen geklärt, sagt Schmitz. Auch spreche man mit der Besitzerin, der Jüdischen Gemeinde – erst im Anschluss werde man über die Finanzierung nachdenken. Ob der Senat hier auch öffentliches Geld in die Hand nehmen würde? Es wäre eine lohnende Investition.

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