• Die letzten warmen Tage des Jahrtausends und der neue Mix von Bonner Volkstümlichkeit und Berliner Folklore beim Kanzlerfest

Berlin : Die letzten warmen Tage des Jahrtausends und der neue Mix von Bonner Volkstümlichkeit und Berliner Folklore beim Kanzlerfest

Eva Schweitzer

Glänzende Augen, staunende Berliner: Die Regierung präsentierte sich an diesem Wochenende im Wortsinn hautnah Unter den Linden, und eine halbe Million Menschen kam. Sie schoben sich vorbei an den Zelten von Ministerien und Bundestagsfraktionen, an Bierbuden, Scampi-Pfannen und Erbsensuppen-Ausschank der Bundeswehr. Und einer Wickelstube. "Wenn ich den Tag überstehe", stöhnt einer der zahlreichen Sicherheitsbeamten, "mache ich drei Kreuze."

Unter der weißen Plane des Bau- und Verkehrsministeriums steht Noch-Minister Franz Müntefering, umringt von Bürgern, und malt Autogramme auf Bierdeckel, Postkarten und Streichholzbriefchen. Was aus dem Transrapid werde, will eine Frau wissen. Den will Müntefering natürlich weiterbauen, aber es fehlen noch drei Milliarden Mark. Warum denn der Transrapid nach Hamburg gebaut werde und nicht zum - viel schlechter erreichbaren - Warschau, fragt ein junger Mann. "Oder in die Niederlande", schlägt Müntefering vor. Nicht gleich Warschau. "Warum baut ihr diese Mauer um das Kanzleramt!" schreit jemand. "Fehlt nur noch Stacheldraht drauf!" Müntefering bleibt ruhig. Das seien alles fertige Pläne, von der alten Regierung übernommen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder ist ebenfalls avisiert, steckt aber irgendwo in den Menschenmassen fest. Innenminister Otto Schily braucht eine kleine Ewigkeit, um sich in sein Zelt zu zwängen. Er hat vorbereitete Autogrammkarten mitgebracht, die rasch aufgebraucht sind, und malt nun im Sekundentakt nach. "Wie heißt Du denn?", fragt er einen kleinen Autogrammjäger. "Benni", sagt der. Ein anderer sammelt alles auf einer Karte. Trittin und Fischer hat er schon. Nun noch Schily.

Draußen, auf einer Bühne, reißt ein Witzbold Scherze über Europa. Was gebe es bloß Gutes über Belgien zu sagen? "Dioxin ins Tierfutter zu entsorgen, darauf muss man erst mal kommen." Die Grünen servieren Cocktails: "Grüne Wiese" und "Millenium Frog", dazu grüne Berliner Weiße. Auch sind Promis angekündigt: Rezzo Schlauch, Cem Özdemir. Bei der SPD kann man sein Konterfei aufs T-Shirt drucken lassen. CDU und FDP haben auf Stände verzichtet: Keine Werbung für die derzeitige Bundesregierung.

Ein ächzender Beamter schleppt eine neue Ladung Jutetaschen zum Stand des Entwicklungshilfeministeriums. Bei Gesundheit gibt es ein "Vorsorgespiel" mit einer Art Glücksrad. Bei Finanzministerium steht der parlamentarische Staatssekretär Karl Diller vor halbleeren Stuhlreihen und soll Auskunft über das 30-Milliarden-Sparpaket der Bundesregierung geben. Aber erst stellt die Moderatorin eine private Frage: Wo er denn wohne? Karl Diller wohnt in einem Bundesgästehaus, weil seine Wohnung auf dem Moabiter Werder, der "Abgeordneten-Intensivhaltung", wie er scherzt, noch nicht eingerichtet sei. Er müsse nämlich für teures Geld Jalousien anschaffen, weil die Sonne die Zimmer so aufheize. Darauf die Moderatorin, trocken: "Das ist ja schön, dass ein Staatssekretär die gleichen Probleme hat wie ein normaler Bürger, der umzieht."

Auf der großen Bühne gibt Schröder ein Interview, auf der kleinen Bühne ist noch der Possenreißer, der nun vorschlägt, die Mauer wieder aufzubauen, aber "kreisrund um das Regierungsviertel". Die Sonne knallt fast unangenehm heiß. Die unbeugsamen Berliner sammeln noch immer Broschüren.

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