• „Die Leute wollen verlockt werden“Architekturprofessorin Kerstin Dörhöfer über Passagen, Warenhäuser und moderne Malls Das Zentren-Zentrum

Berlin : „Die Leute wollen verlockt werden“Architekturprofessorin Kerstin Dörhöfer über Passagen, Warenhäuser und moderne Malls Das Zentren-Zentrum

Die Steglitzer Schlossstraße ist einer der wichtigsten Einkaufsboulevards Berlins. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Shoppingcenter auf engem Raum. Was macht das mit einer traditionsreichen Prachtmeile? Ein Bummel im adventlichen Trubel.

Frederik Hanssen Fotos: Thilo Rückeis

Eröffnet:

1995

Fläche: 4000 qm

Geschäfte: auf acht Etagen diverse Abteilungen

eines Anbieters

Frau Dörhöfer, in der Steglitzer Schlossstraße gab es bis vor kurzem drei Kaufhäuser. Zwei mussten schließen, dafür entstanden drei neue Shoppingmalls. Eine unabwendbare Entwicklung?

Leider ist das aktuell ein überall zu beobachtender Prozess. Gleichzeitig ist es ja nicht das erste Mal, dass eine Form des Handels durch eine andere verdrängt wird. Denken Sie nur an die Passagen des 19. Jahrhunderts, die starben, als die Warenhäuser ihren Siegeszug antraten.

Das müssen Sie genauer erklären.

Die erste Passage entstand in Paris, schnell wurde der Bautyp dann auch in London, in anderen europäischen Ländern und in den USA nachgeahmt. Berlin ist auf diesem Gebiet ein Spätentwickler gewesen, hier entstanden nur drei Passagen. Zwei lagen Unter den Linden, eine dort, wo heute die Komische Oper steht, die andere auf Höhe der Friedrichstraße. Einer der Zugänge befand sich an der Ecke Behren- und Friedrichstraße. Die enorme Eingangshalle des dort zu DDR-Zeiten gebauten Westin Grand Hotels ist übrigens eine Reminiszenz an die prächtige Kuppel über dem einstigen Entree. Ein so großzügiger Raum war nur möglich, als Grund und Boden Volkseigentum waren. Im Kapitalismus hätte das als pure Verschwendung gegolten!

Und die dritte Passage?

Ist das heutige Tacheles. Dort, wo die bekannte Ruine steht, kann man den Eingang zur 1907 erbauten Friedrichstraßenpassage noch erahnen. Vom eigentlichen Passagen-Gefühl bekommt man dort allerdings nichts mehr mit.

Wie lässt sich dieses Gefühl beschreiben?

Das waren echte urbane Räume, überdachte Straßen, durch die man flanierte. Zunächst waren dort für die feine Gesellschaft Geschäfte zu finden, die auf Bestellung handelten. Man ließ sich seine Maßanzüge anfertigen, bestellte individuell gestaltete Möbel. Neben dem kaufkräftigen Adel und gehobenen Bürgertum wandelten hier aber auch Bohemiens, es ging auch ums Sehen und Gesehen werden.

Dann aber kamen die Warenhäuser …

Die industrielle Massenproduktion machte es möglich, Konsumartikel in großer Menge und zu kleinen Preisen anzubieten. In den Passagen-Geschäften konnten Sie noch handeln, in den Warenhäusern gab es Fixpreise – aber auch das Recht auf Umtausch. Zielgruppe der Warenhäuser war nun die Mittelschicht, vor allem die Konsumentinnen. Hierhin ging die Hausfrau, um schnell und rentabel ihre Einkäufe erledigen zu können. Dass nicht der Herr Gemahl die Rechnungen im Nachhinein bezahlte, sondern dass Frauen das Haushaltsgeld selbstständig verwalten durften, ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.

Kann man sagen: Die Art, wer wie einkaufte, ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklung? Beeinflusste der Fortschritt der Wirtschaft das Kaufverhalten der Leute?

Ja, absolut. Mit der zunehmenden Mobilität entstanden beispielsweise in den Vereinigten Staaten die ersten Shoppingmalls, Verkaufszentren, die man leicht mit dem Auto erreichen konnte, weil sie an Kreuzungen der Highways von downtown zum suburb lagen, also an den Ausfallstraßen von der Innenstadt zu den Vororten, in denen man wohnte. Zwei Drittel der Fläche sind dort für die Parkplätze reserviert. Zu Anfang waren die Malls übrigens ganz einfache Containerbauten.

Warum um alles in der Welt aber sind diese Vorort-Einrichtungen dann wieder in die Stadt zurückgekommen?

Das geschah in den siebziger Jahren – und zwar auf Initiative der Kommunen selbst. Gerade in den USA, wo es nicht so lebendige, gewachsene Innenstädte gab wie in Europa, drohten die Zentren zu veröden. Doch auch in Berlin wollte man die USA imitieren. Denken Sie an das Europa-Center oder das Forum Steglitz, das 1970 eröffnet wurde.

Was unterscheidet die Mall vom Warenhaus?

Warenhäuser waren nach außen orientiert. Die Schaufenster spielen eine große Rolle. Das berühmte Londoner Kaufhaus Selfridges hatte Vorhänge, die nach einer neuen Dekoration gleichzeitig aufgezogen wurden – wie ein Bühnenvorhang im Theater, die Menschen standen erwartungsvoll davor. In den zwanziger Jahren befassten sich angesehene Architekten wie Erich Mendelssohn mit der Frage, wie man Schaufenster attraktiv gestalten kann.

Im KaDeWe ist das heute noch zu erleben. Gerade jetzt zur Adventszeit drücken sich nicht nur Kinder die Nasen an den weihnachtlich dekorierten Schaufenstern platt.

Das KaDeWe hat jedes Jahr ein Motto, nach dem die Dekoration gestaltet wird. Man bummelt deswegen auch außen rund ums Gebäude herum. Bei den Shoppingmalls dagegen gibt es gar keine Schaufenster mehr. Sie sind ausschließlich nach innen orientiert. An der Innengestaltung sind Psychologen beteiligt, mit dem Ziel, die Besucher zu manipulieren: Durch Leuchten an Wänden und Decken, durch Intarsien im Fußbodenbelag, durch glänzende Materialien werden sie geführt und gelenkt, ohne es zu merken. Die Sitzbänke sind so angeordnet, dass man stets auf eine Auslage schaut. Zudem gibt es zumeist keine Lehnen, damit die Kunden nur kurz verschnaufen und dann weitershoppen. Das ist alles hochraffiniert ausgeklügelt! Und die Leute wollen ja verlockt werden. Die Gropius-Passagen im südlichen Neukölln werden an Samstagen von bis zu 100 000 Menschen besucht. Das entspricht der Gesamtbevölkerung einer Stadt wie Cottbus.

Warenhäuser wenden sich der Stadt zu, wollen repräsentative Häuser sein, Konsumtempel. Wollen Shoppingmalls überhaupt Gebäude sein?

Die Container an den Highways von einst sind zwar immer größer geworden, aber ihre Funktion ist gleich geblieben: Malls hausen den Handel ein. Die Schauflächen sind nach innen gerichtet. Egal, welche Fassade davor gehängt wird, alles findet im Innenraum hinter den Drehtüren statt, die den Eingang bilden. Dabei hat der Handel doch einst im Mittelalter die ersten Orte der Öffentlichkeit geschaffen, die Märkte nämlich. In den Malls wird Einzelhandel nur noch vorgespiegelt. Tatsächlich findet man fast ausschließlich Läden, die den großen Ketten angehören.

Andererseits könnte man doch die Shoppingmall auch als Wiederkehr der Passage sehen. Überdachte Ladenstraßen sind doch beide, oder?

Aber nur auf den ersten, oberflächlichen Blick. Die klassische Passage ist genuiner Teil des städtischen Raums. Weil man durch sie hindurchgehen kann und soll. Meist verbindet sie attraktive Orte, Gebäude oder Plätze der Stadt. Shoppingmalls dagegen sind Sackgassen. Man betritt sie oft vom Parkhaus aus oder von der U-Bahn. Sie kommen gar nicht mehr mit der frischen Luft in Berührung. Und sind Sie erst einmal drin, sollen Sie dort ihre Kreise ziehen. Außer den Drehtüren am Aufmerksamkeit erheischenden Eingang gibt es nur Neben- und Notausgänge. Mit der Stadt selbst haben die Malls keinen Kontakt. Im „Boulevard Berlin“ auf der Schlossstraße etwa werden Ballonfahrten für Kinder angeboten – und zwar indoor. Schauen Sie sich dagegen die berühmte Galleria Vittorio Emanuele in Mailand an: Sie gehen am Domplatz hinein und kommen an der Scala wieder heraus. Oder denken Sie an die kleinen, labyrinthischen Passagen in Paris: Sie gehen neugierig hinein, kommen irgendwo wieder heraus, entdecken dadurch vielleicht bislang unbekannte Gegenden.

Dennoch nennen sich viele Malls „Passage“.

Das ist genauso eine geschmäcklerische Wortwahl wie die Bezeichnung „Forum“. Mit den antiken Versammlungsorten, an denen kollektive Kommunikation bis hin zur Rechtsprechung stattfand, haben diese Verkaufszentren nun wirklich nichts zu tun. Hier geht es nur darum, dass Kunden konsumieren sollen. Darum soll man die modernen „Passagen“, also die Malls, auch nicht passieren.

Der Flaneur hat keine Chance mehr. Er findet hinein, aber nicht heraus.

Und er bekommt nichts mit von der Welt draußen, von Wind und Wetter, den Großstadtgeräuschen. In der Mall wird keine Neugier gereizt. Da gibt es nichts zu entdecken. Außer vielleicht ein paar Sonderangebote.

Und doch: Ist die Mall nicht die zeitgemäße Form des Marktplatzes? Nur eben ganz ohne Verkehrslärm. Eine geschützte Zone.

Aber es ist und bleibt kein öffentlicher Raum. Malls sind Eigentum privater Investoren, die ihre Hausordnung aufstellen und diese durch das Wachpersonal durchsetzen lassen. Es sind ebenso wenig Orte der Kommunikation: Aus meinen Beobachtungen weiß ich, dass sich die meisten Besucher allein durch die Malls bewegen. Auch in den sogenannten Schlemmer-Oasen sitzen viele allein. Es geht auch nicht ums Bummeln, nicht ums Sehen und Gesehen werden. Malls sind keine Orte der Geselligkeit.

Urbanes Leben geht durch die Malls verloren?

Ja. Der Begriff „urban“ hat in der Soziologie ja zwei Bedeutungen: da geht es einerseits um städtische Dichte, Vielfalt, Fülle, Gewimmel. Aber es gibt auch die Bedeutung, die vom englischen urbane kommt: gebildet, weltoffen, neugierig auf das Fremde. Das kann man von diesen Einrichtungen ja nun wirklich nicht sagen.

Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft. Was wird nach den Shoppingmalls kommen?

Man muss sehen, ob der Online-Handel so stark wird, dass auch die Shoppingmalls eines Tages untergehen. Vielleicht aber entwickelt sich auch wieder ein neuer Bautyp.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

Eröffnet: 2006

Fläche: 36 000 qm

Geschäfte: 88

Baukosten: 200 Mio. Euro

Eröffnet: 2000

Fläche: 18 670 qm

Geschäfte: 10

Eröffnet: April 2012

Fläche: 76 000 qm

(inkl. des Karstadt-Hauses)

Geschäfte: 160

Baukosten: 390 Mio. Euro

Eröffnet: 1970

Fläche: 32 000 qm

Geschäfte: 70

Eröffnet: 2007

Fläche: 16 200 qm

Geschäfte: 27

Schloss-Straßen-Center

Das Schloss

Boulevard Berlin

Wie Jägerinnen durchstreifen junge Frauen die eng gestellten Regale. Die vom Geschäft zur Verfügung gestellten, grau glänzenden Einkaufsbeutel haben sie randvoll gepackt. Richtige Cargo-Bags sind das, noch voluminöser als die Großraum-Handtaschen, die von ihren Schultern baumeln. Seit Primark hier residiert, der irische Textildiscounter, der seine Fähnchen noch günstiger anbietet als H&M, ist der Walther-Schreiber-Platz ein Modehotspot in der Stadt. Bei der Eröffnung im Juli belagerten 5000 Neugierige die Eingangstüren, Teenager aus der ganzen Stadt veranstalten seitdem regelrechte Sternfahrten zum Schloss-Straßen-Center. In dezentem Arktisblau strahlt die Adventsdekoration draußen, blitzende Lichterketten hängen in den kahlen Ästen, dazu stilisierte Schneeflocken, vor dem Forum Steglitz ist ein kleiner Weihnachtsmarkt rund um die hoch aufragende Etagenpyramide entstanden. Und drinnen wuselt junges Volk umher, um sich jetzt schon mal selber zu beschenken.

Die Primark-Filiale hat die Steglitzer Einkaufsmeile bei den U25 berühmt gemacht – und das Schloss-Straßen-Center gerettet. Hämisch waren die Shoppingmall-Kritiker schon um das Gebäude gekreist, das erst 2007 als Ersatz für das abgerissene Hertie-Haus errichtet worden war. Seht her, gellte ihr Ruf, der Bedarf an Ladenketten-Filialisten ist hier doch längst gesättigt! Das Konzept des ungebremsten Wachstums der Schlossstraße verfängt nicht!

Ein attraktiver Anblick waren die leeren Ladenflächen tatsächlich nicht. Einkaufszentren funktionieren eben wie Theater: Im vollen Haus ist die Stimmung immer am besten. Dann aber kam der Ultrabilliganbieter von der grünen Insel, ergoss sein Sortiment auf zwei Etagen – und alles wurde gut. Auch wenn man die Geschäfte der übrigen Mieter jetzt nur noch durchs Souterrain oder über Nebeneingänge erreicht. So viele junge Gesichter sieht man sonst nirgendwo an der Schlossstraße.

Spätestens seit der Eröffnung des 76 000 Quadratmeter großen Boulevard Berlin im April liegt hier im Südwesten die nach dem Ku’damm zweitwichtigste Einkaufsmeile der Stadt. Eine vergleichbar hohe Center-Dichte findet sich laut Maklerfirma Engel & Völckers hierzulande nirgendwo. Der Filialisierungsgrad liegt bei 74,5 Prozent, das heißt, drei Viertel aller Geschäfte gehören zu großen Ketten. Grund genug also für den Flaneur, sich ins vorweihnachtliche Treiben zu stürzen und im Glanz der Straßendekoration nach dem Ausschau zu halten, was die Schlossstraße ausmacht. Von Mall zu Mall bietet sich dabei ein wechselndes Bild: Wie Türchen im Adventskalender öffnen sich die Eingänge der Konsumtempel, geben den Blick frei auf ihre Warenwelten, die jeweils ein ganz spezielles Publikum anziehen.

DAS ALTE FORUM

Wie urig, wie old school wirkt im Vergleich mit dem Schloss-Straßen-Center der direkte Nachbar, das Forum Steglitz. 1970, als das Haus eröffnet wurde, da war man in der Mauerstadt mal ganz nah dran am Puls der Zeit. Shoppingmalls waren der letzte Schrei, frisch aus den USA abgeschaut. Es gab hier sogar einen Burger King im Stil der klassischen amerikanischen Diner! Und im 1. OG residierte das Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten der DDR, wo Stasimitarbeiter im kalten Neonlicht hinter Resopalschreibtischen hockten und die Anträge der Berliner (West) für einen zahlungspflichtigen Ausflug in den Arbeiter- und Bauernstaat entgegennahmen. Wenn sie ordnungsgemäß ausgefüllt waren. Kaltkriegerische Zeiten.

Moderne Malls kreieren ihre eigenen Zauberwelten – das Forum dagegen ist ein gnadenlos ehrlicher Zweckbau. Nichts verschleiert hier das Ziel aller Einkaufszentren, den Leuten möglichst schnell möglichst viel Geld aus dem Portemonnaie zu leiern. Generationen von Steglitzer Schülern haben hier ihre Freizeitstunden vertrödelt. Pubertierende Knaben sind Mädchen hinterhergeschlichen, natürlich ohne Kontaktaufnahme zu wagen. Paradies der Jugendlichen war „Nanu-Nana“, das strahlende Flagship des Hauses in der Beletage, spezialisiert auf Kitsch und Überflüssiges. Im Erdgeschoss lebte der alte Born-Markt weiter. Zwischen Fisch-, Obst- und Gemüsehändlern gab es nicht nur die legendäre Tauschbörse für Groschenromane, sondern auch eine der ersten Thoben-Theken, wo das Taschengeld für zuckergusstriefende Kranzstangen draufging.

Der Sanierung 2005 ist die Markthalle zum Opfer gefallen, „Nanu-Nana“ bespielt heute eine bescheidene Koje im Souterrain. Dafür vibriert abends in allen Etagen der Boden, wenn oben im Fitnessstudio die Figurbewussten beim Workout im Takt hopsen. Den alten Geist des Forums aber vermochten die Innenarchitekten nicht zu vertreiben. Wie Inseln des Gestern haben sich Kleine- Leute-Treffs zwischen den aufgehübschten Schaufensterstraßen erhalten. An der König-Pilsener-Bude gibt es Schmalzstulle für Einsfuffzich, im Untergeschoss, wo Würstchen-Mago, ein Asia- Imbiss und „My Pizza Döner Kebap“ um die Dufthoheit ringen, klemmt eine echte Eckkneipe unter der Rolltreppe. Gesprächsfetzen wehen dem Flaneur entgegen: „Janz schön blau heute“, grölt der Stammkunde dem Zapfgirl im türkisfarbenen Fleecepulli entgegen. Die allerdings reagiert gar nicht, weil sie gerade ins Gespräch mit zwei An-der- Bar-Hockern vertieft ist: „... und dann sagt der Typ: Hier gibt’s gleich Fratzen-Klatschen, bis die Mütze brennt ...“

DIE GESCHICHTE

„Feuchter Nebel liegt über den Straßen, jetzt in den Nachmittagsstunden, wenn die Laternen früh angezündet werden, geht die Hausfrau, das Portemonnaie in der Hand, schwerhufig zu Wertheim, um gestrickte Leibchen zu kaufen. Listig benutzt sie den Vorwand, um sich im zweiten Stock in der Konditorei anzusiedeln“, beobachtet Alfred Kerr 1898 in einer seiner Berlin-Reportagen für die „Breslauer Zeitung“ das Treiben an der Leipziger Straße. „So viele Mütter kaufen gestrickte Leibchen, dass die Konditorei bald ganz abgegessen ist. Um sechs Uhr glitt der letzte Mohrenkopf in den Magen einer Kanzleirätin.“ Nur allzu gerne wäre die Schlossstraße die Erbin jenes legendären Bummelboulevards der preußischen Hauptstadt, den Kerr da beschreibt.

Als die Verbindung vom Potsdamer zum Alexanderplatz in Schutt und Asche fiel, wich der Handel notgedrungen auf das weitgehend von Bomben verschonte Steglitz aus. Vor dem Krieg hatte es hier nur ein einziges Kaufhaus gegeben, in dem Eckgebäude am Hermann-Ehlers-Platz, das heute eine Bankfiliale beherbergt. 1952 begrüßt Wertheim auf 5000 Quadratmetern die ersten Kunden, bereits zwei Jahre zuvor hatte Peek & Cloppenburg eröffnet, 1956 folgt C&A, 1962 kommt das charakteristische, nach innen geknickte Ebbinghaus-Gebäude am Walther-Schreiber-Platz hinzu, an dessen östlicher Fassade heute noch das alte Logo mit dem Scherenschnitt einer Familie im wilhelminischen Ausgehstaat prangt.

1963 baute Woolworth, 1967 Karstadt. In der Mauerstadt war die Schlossstraße damit zur Nummer zwei nach dem Ku’damm aufgestiegen. Schuhgeschäfte gab es hier sogar mehr als sonst wo in der Bundesrepublik. Glamour jedoch blieb der biederen Geschäftsstraße stets fremd.

Dann aber, nach dem Fall der Mauer, kam der große Shoppingcenter-Boom. Die Aussicht, jetzt eine Zielgruppe bis in den südwestlichen Speckgürtel hinein versorgen zu können, löste in Steglitz Goldgräberstimmung aus. Allein von 2005 bis 2010 stieg der Zahl der Geschäfte um 40 Prozent, mittlerweile bieten hier an die 400 Unternehmen ihre Waren auf 240 000 Quadratmetern feil. Von den Kaufhäusern ist nur Karstadt geblieben, dafür buhlen seit der Eröffnung des Boulevard Berlin nun sechs große Shoppingcenter um die Kunden.

EIN NORMALES SCHLOSS

1,6 Kilometer zieht sich diese schnurgerade Flaniermeile hin, ist also tatsächlich exakt so lang wie eine international mile. In den vergangenen Jahren hat der Bezirk viel Geld in die Hand genommen, um die Bürgersteige zu verbreitern, den Walther-Schreiber-Platz zu verschönern, vor dem Forum Steglitz einen weitläufigen Platz zu schaffen. Aber macht das die Schlossstraße zur Leipziger Straße des 21. Jahrhunderts? Wer eine Atmosphäre finden will wie in Alfred Kerrs Reportage, muss am U-Bahnhof Rathaus Steglitz aussteigen. Dort ragt „Das Schloss“ auf, das geschmackloseste Bauprojekt der Nachwendezeit. Die Fassade wirkt, als sei sie für eines der neureichen Scheichtümer am Arabischen Golf erdacht. Innen ballt sich alles, was Amerikaner mit Old Europe assoziieren. Auf dem Boden formen Granitplatten in vier Farben grobschlächtige Muster, neben Kunstledersesseln in altrömischer Anmutung ragen Plastikpalmen auf, deren Plastiktröge gusseiserne Schwere vorgaukeln. Palmetten à la Friedrich Schinkel ziehen sich über den Schaufenstern entlang, dazwischen stechen grellbunte Pseudorenaissance-Schmuckbänder hervor. Die Balustraden im ersten Stock schmücken griechische Mäanderornamente, Kandelaber im Zille-Gründerzeit-Stil spenden in der Haupthalle Licht, während vor den Fahrstühlen 26-flammige Messingleuchter im Geschmack des 16. Jahrhunderts strahlen. Und natürlich gibt es auch einen Springbrunnen mit barbusigen Göttinnen in pflegeleichter Kunststoff-Carrara-Marmor-Optik.

Wenn es eine höhere Gerechtigkeit gibt, werden die „Schloss“-Erbauer am Jüngsten Tag mit Fegefeuer nicht unter 15 Jahren bestraft. Aber die Leute lieben „Berlins fantastische Shoppingwelt“ (Eigenwerbung). Nicht nur an Adventswochenenden ist schon vormittags um halb elf mächtig was los. Rentner, Hausfrauen, Jugendliche bevölkern die Mall, man bummelt, vergleicht Preise, gönnt sich einen Kaffee, hängt ab, schlägt die Zeit tot. Hier ist ein echter sozialer Treffpunkt entstanden, ein vollklimatisierter Dorfplatz, so wie man das aus den City-Centern mittelgroßer Gemeinden kennt.

AUF DEM BOULEVARD

„Das Schloss“ ist den Steglitzern ihre gute Stube. In den neuen „Boulevard“ dagegen scheinen die Einheimischen nicht so gern zu gehen. Der ist zu elegant und kühl, zu weitläufig und großstädtisch. Wer da kauft, könnte schnell als hochnäsig gelten. Was Besseres sein zu wollen aber kommt gar nicht gut an unter Menschen, die stolz darauf sind, zu den einfachen zu gehören. Dabei ist der „Boulevard“, errichtet für 390 Millionen Euro an der Stelle des ehemaligen Wertheim-Warenhauses, ein echter Lichtblick. Das einzige Einkaufszentrum in ganz Berlin, das wirklich nach Metropole aussieht.

Hier atmen Ästheten auf, hier treffen drei architektonische Epochen zusammen: da ist das sorgfältig restaurierte Fünfziger-Jahre-Treppenhaus als Wertheim-Erinnerungsstück. Da sind die poppigen, gerade wieder mächtig angesagten Siebziger, repräsentiert durch den Bierpinsel wie den U-Bahnhof Schlossstraße. Und da ist die lichte Eleganz des Boulevard-Komplexes. Als echte, zum Durchwandeln auffordernde Passage präsentiert sich die Halle an der überbauten Treitschkestraße. Die wahre Schauseite des Gebäudes aber liegt an der rückwärtigen Seite. Durch wellenförmige Glaswände und von abwechslungsreich gestaffelten Terrassen schweift der Blick über den neu angelegten Harry-Breslau-Park. Wenn nur die Kommunikation des Boulevard nicht so eine Katastrophe wäre. Schon das fettwülstige B als Logo stößt spontan ab, dilettantisch gemachte Werbeprospekte zeigen nichts von der räumlichen Großzügigkeit dieser Mall.

Es ist wie mit der Gemäldegalerie am Kulturforum, denkt der Flaneur: Natürlich kann man es genießen, dass hier fast nie Gedränge herrscht, dass man ungestört umherschlendern kann, umgeben von geschmackvollem Ambiente und wenigen Gleichgesinnten. Und doch ist da immer auch Mitleid im Spiel. Andererseits: Wie viele Menschen nehmen in Einkaufsstraßen überhaupt etwas wahr jenseits der Schaufensterrahmen? Wer blickt mal in die Ferne, die Straße hinab, oder gar an den Fassaden hoch? Zwei, drei Tagträumer? Die Schlossstraße ist schön, prächtige Gründerzeit- Wohnpaläste stehen hier, in denen sich nicht nur Anwaltskanzleien und Arztpraxen befinden, sondern in denen tatsächlich echte Mieter leben.

BIO-BIOTOPE

Den besten Blick auf die Stuckpracht der stolzen Giebel hat man vom Naturkaufhaus aus. Also aus der Hausnummer 101. Unter dem Namen „Galleria“ hat sich der schmale, ambitionierte Neubau mit der konvexen Glasfront ein paar Jahre lang mäßig erfolgreich als Mini-Shoppingcenter versucht. Dann nisteten sich die Ökos hier ein. Was sich als Glücksfall herausstellte. Wer – wie der Flaneur – kein Fan von Räucherstäbchenduft ist, wird die Schwelle nur schweren Herzens übertreten – dann aber entdeckt er in den ziemlich zugerümpelten Etagen ein charmantes Biotop, in dem sich ebenso farbenfrohe Miss-Marple-Outfits für pensionierte Oberstudienrätinnen finden lassen wie Getreidemühlen für Selbstbäcker oder handgefertigte Hüte von Chapeau Fatal. Gemütlich mag man das Café im siebten Stock nicht nennen, der Blick ist wirklich erhebend, die Straße rauf wie runter.

Außerdem sieht man auch gut, was die urbane Qualität der Schlossstraße ausmacht: dass sich zwischen den wuchtigen Gebäudeblöcken der Center immer noch viel hochwertiger Einzelhandel hält. Da sind Juweliere und Porzellangeschäfte, da gibt es edle Kinderkleidung bei Petit Bateau und exquisite Schreibwaren bei Bookbinders, da ist die Traditionskonditorei Reichert, da schleifen Kinder ihre Eltern in Richtung der seit 1968 bestehenden Wunderwelt von „Werken Spielen Schenken“ , da sind die süßen Versuchungen von Leysieffer und direkt darüber die Räumlichkeiten des Cafés „Atalante“, das sich als „Ort für Halbgöttinnen mit und ohne Begleitung“ anpreist. Und da werden bei „Elfi“ seit 60 Jahren Damen im handtuchschmalen Laden mit Miederwaren versorgt.

GEILER GEIZ

Natürlich zeitigt die Steglitzer Mall-Bauwut auch hässliche Nebenwirkungen. Zum Beispiel, wenn es um die sogenannten Anker-Mieter geht, also um die ganz großen Geschäfte für die ganz breite Kundschaft, die als Publikumsmagneten wirken. Noch blitzt auf dem Dach der Hausnummer 110 der Metallglobus mit dem Saturn-Logo. Doch das Geiz-ist-geil-Imperium wurde längst vom Boulevard Berlin abgeworben. Die Treppe zu den ehemaligen Saturn-Etagen ist gesperrt, wer aber den Fahrstuhl nach oben zum Fitness-Center nimmt, kann kurze Blicke erhaschen auf die im Halbdunkel liegenden, nicht wirklich besenrein hinterlassenen Verkaufsflächen. So fühlt man sich nachts in der Geröllwüste.

Auch das Sportgeschäft ist ausgezogen, ins Forum Steglitz. Als repräsentativer Großmieter blieb allein die Buchhandlung Hugendubel. Die Schlossstraße 110, die noch nicht mal einen richtigen Namen hat, ist aber auch ein besonders gruseliges Beispiel von profitgieriger Investorenarchitektur. Kein Foyer empfängt den Kunden, nur ein Treppenhaus mit billigen grauen Baumarktfliesen. Im Untergeschoss vor dem Supermarkteingang erinnert der Fußbodenbelag gar an öffentliche Bedürfnisanstalten . Und doch sitzen hier mittags gar nicht wenige Besucher, trinken ihren Kaffee unter der Neonröhrensonne vor dem Back-Stop und dem Warsteiner Inn. Menschen, die wahrscheinlich auch gerne auf Autobahnraststätten picknicken. Den Flaneur packt der Fluchtreflex.

Wieder an der frischen Luft, strebt er über die vereisten Gehwege dem Walther-Schreiber-Platz zu, dem großen Stern von Steglitz: Hier öffnet sich die schmale Schlossstraße, rechterhand geht es hügelan Richtung S-Bahnhof Feuerbachstraße, links knickt in einem gewagten Hüftschwung die Bundesallee ab, mit dem backsteinroten Turm der Kirche am Friedrich-Wilhelm-Platz als Sichtachsenhöhepunkt. Und geradeaus, Richtung Innenstadt, geriert sich die nun Rheinstraße genannte Magistrale als echter Boulevard, ganz nach Pariser Vorbild, weltstädtisch und licht, mit breiten Trottoirs. Nur, dass hier keiner mehr flaniert. Die Primark-Mädels haben sich direkt vor dem Schloss- Straßen-Center mit ihren großen Tüten auf die öffentlichen Nahverkehrsmittel verteilt, die besser Situierten suchen wohl noch in den Parkhäusern nach ihren Pkws.

In der Rheinstraße heißt Shoppen wieder Einkaufen, hier herrscht Kleinstadtatmospäre, ist Platz für Kramläden und Abseitiges. Und auch für das Schreibwarengeschäft der Familie Schmidt- Hagius, die nach Jahrzehnten aus dem Herzen der Schlossstraße von den explodierenden Mieten hierher vertrieben wurde. Willkommen im Kiez.

Forum Steglitz

Schlossstraße 110

Galleria Naturkaufhaus

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