Berlin : Die Liebe zu alten Häusern

Die in Berlin lebende Autorin Inka Parei erhält den Ingeborg-Bachmann-Preis

Andreas Conrad

Das Haus am Stadtrand von Frankfurt, das der alte Mann überraschend geerbt hatte, war nicht gerade ein Schmuckstück: „Es hatte eine Nachkriegsfassade, schmutzig und ausdruckslos. Wahrscheinlich war es Ende der fünfziger Jahre das letzte Mal gestrichen worden. Der Putz an der Vorderfront bestand aus rauen, wurmförmigen Kerben, in denen sich der Dreck der Jahrzehnte eingelagert und schwarze Rillen gebildet hatte.“

Der jungen Berliner Autorin Inka Parei dürfte der Kasten jetzt besonders ans Herz gewachsen sein. Um ihn und seinen Besitzer dreht sich der noch titellose Romananfang, für den sie am Sonntag im österreichischen Klagenfurt mit dem Ingeborg-BachmannPreis ausgezeichnet worden war. Mit ihrem zweiten Romanprojekt ist die 1967 in Frankfurt am Main geborene Parei damit literarisch wieder in ihrer Heimat angekommen.

Alte Häuser müssen die als „literarisches Fräuleinwunder“ gehandelte Autorin faszinieren. Schon ihr Debütroman „Die Schattenboxerin“ (Schöffling, Frankfurt/Main 1999) spielt in einem fast verlassenen OstBerliner Mietshaus in der (fiktiven) Lehniner Straße, kurz nach der Wende. Nur noch zwei Frauen leben dort, die Ich-Erzählerin Hell und die bald verschwundene Dunkel. Ein düsteres, vom Glamour des „Neuen Berlin“ weit entferntes Stadtporträt wird entworfen, dargeboten als Großstadtthriller um Vergewaltigung, Bankraub, die Suche nach dem verschwundenen Vater – und Kung Fu. Der Roman fand überwiegend positive Kritiken, schaffte es sofort auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. Selbst im Ausland wurde man auf die junge Autorin aufmerksam, die Berlin vor zwei Jahren auf der Pariser Buchmesse repräsentieren durfte.

Seit 1987 lebt Inka Parei in Berlin. Sie studierte Germanistik, Soziologie, Politikwissenschaft und Sinologie und hat einen elfjährigen Sohn. Der Stadt verdankt sie nicht nur den Stoff zu ihrem ersten Roman. 1997 hatte sie für den Entwurf der „Schattenboxerin“ ein Stipendium des Literarischen Colloquiums bekommen, 2001/2002 erhielt sie ein Stipendium des Berliner Senats.

Die Klagenfurter Ehrung ist die zweite, die binnen kurzem einem in Berlin lebenden Autor zugesprochen wurde. Im April hatte der Amerikaner Jeffrey Eugenides für seinen in Berlin entstandenen und teilweise hier spielenden Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis erhalten.

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