Berlin : Die Liebe zum Kiwi

Hasret ist erst 13 Jahre alt – aber schon die fleißigste Tierpatin im Zoo Sie kauft Futter von ihrem Taschengeld und will später Zoodirektorin werden

Stefan Jacobs

Otto ist ein komischer Vogel. Etwa so groß wie ein Huhn, aber mit Federn wie feine Fischgräten und mit den Füßen eines Adlers. Die Besuche seiner Patentante verschläft Otto in aller Regel, denn er ist ein Kiwi, und Kiwis sind nachtaktiv. Ottos Patentante heißt Hasret Akpolat, geht jetzt in die achte Klasse und dürfte aller Voraussicht nach in einigen Jahren Zoodirektorin sein. Heute hat sie Otto ausnahmsweise aus seiner Schlafkiste geholt und auf ihren Schoß gesetzt. Da sitzt er nun, streckt seine beeindruckenden Beine aus und blinzelt.

Hasret hat Otto adoptiert, weil sie ihn so interessant findet: ein Laufvogel, dessen schätzungsweise nur 70 000 Artgenossen am Boden neuseeländischer Wälder leben und mit ihren langen Schnäbeln allerlei Gewürm unter den Wurzeln hervorholen. Und zwar im Dunkeln, belauert von leichtfertig eingeschleppten Mardern. In Berlin werden Otto und seine fünf Artgenossen mit teuer eingekauften Tauwürmern versorgt: 250 Euro, alle 14 Tage. Auch deshalb sind sie im Zoo glücklich, dass sie Hasret haben. Wann immer die 13-Jährige Geld hat, leistet sie sich ein neues Tier, fünf hat sie schon. Den Kiwi hat sie zusammen mit einer Schopfwachtel zum Paketpreis von 150 Euro bekommen. „Wir merken ja sonst nicht viel von den Tierpaten – da ist Hasret eine schöne Ausnahme“, sagt Thomas Lenzner, Chef der Fasanerie.

160 000 Euro steuern die Tierpaten – darunter auch Firmen – zum Jahresetat des Zoos bei. 450 Euro bezahlt Hasret. „Ich brauche ja selbst kein Geld weiter. Schulsachen und mal ein Eis bezahlt ja meine Mutter“, sagt sie. Fast jeden Tag kommen die beiden her und schauen, ob das Taschengeld gut angelegt ist. In letzter Zeit ist es schwieriger geworden, weil Hasret jetzt aufs Gymnasium geht und viel lernen muss. „Dafür bin ich in Naturwissenschaften die Beste“, sagt sie. Ihr Plan: Biologie studieren, eine Doktorarbeit schreiben, „und dann ist hoffentlich irgendwo eine Stelle frei.“ Eine Zoodirektorenstelle.

Kurt Goedicke, der bei den Mähnenschafen auf Hasret wartet, weiß Bescheid. „Mensch, so ein Batzen Geld! Das brauchst du doch für dein Zoodirektorendasein“, sagt er gerührt, als sie ihm ein Sparschwein mit 80 Euro in die Hand drückt. Sie hat das Geld für die unterernährten Igel gesammelt, die Goedicke auf einer Wiese im Zoo aufgelesen und zwecks Fresskur in geheizten Felsen einquartiert hat. Für das Geld kann er Futter für die nächsten Wochen kaufen. Wenn es wieder warm draußen ist, setzt er sie in einer Gegend aus, in der es viele Laubhaufen gibt. Darf der das? „Wenn ich weiß, dass es für die Igel gut ist, ist das okay“, sagt Hasret mit Zoodirektorenblick. Sie will noch weiter zu Fine, die mit zwei Kumpels in einer dreizimmrigen Holzkiste nebenan schläft. Fine ist ein Steppenmurmeltier und war Hasret sofort sympathisch: „Ich schlafe auch gern aus, wenn’s draußen kalt ist.“ Heute aber ist Fine wach, schaut empört aus ihrem Heuhaufen und schnappt mit bösem Quieken nach Goedickes Finger. Hasret wird später wiederkommen, wenn Fine ausgeschlafen hat.

„Schön müssen meine Patentiere sein und interessant“, sagt Hasret. „Obwohl: Interessant sind eigentlich alle Tiere.“ Sie hat noch ein Muntiak im Portfolio. „Eine Mischung aus Althirsch und Neuhirsch“, erklärt sie. „Vom Althirsch hat er die spitzen Eckzähne, vom Neuhirsch das kleine Geweih.“

Den strengen Geruch in manchen Ecken des Zoos nimmt sie schon gar nicht mehr wahr, und einem Kind, das neulich „Iih, hier stinkt’s!“ rief, antwortete sie: „Aber erst, seit du da bist!“ Sie hat ein paar Mal versucht, ihre Klassenkameraden für den Zoo zu begeistern, aber denen wurde es beim zweiten Besuch langweilig. Hasret dagegen mag eigentlich alle Tiere – bis auf wenige Ausnahmen: „Kakerlaken finde ich eklig, weil mir mal eine auf den Kopf gefallen ist und weil sie so knacken, wenn man drauftritt.“ Und den größten Langweiler hat sie auch schon identifiziert: „Der Pandabär. Der ist soo teuer – und macht gar nix!“ Bao Bao und Hasret werden also nicht ins Geschäft kommen; egal, wie ergiebig Weihnachten wird. Hasret hat längst einen anderen Wunsch: „Das kleine schwarze Jaguarmädchen“, gluckst sie und lächelt pausbäckig. „Och, das ist ein bisschen zu groß!“, sagt ihre Mutter. Sie will jetzt ohnehin nach Hause: Sachen waschen. Wegen ihrer Tierhaarallergie.

Infos zu Tierpatenschaften telefonisch unter 254 010 und im Internet unter www.zoo-berlin.de/mitmachen

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