Berlin : Die Liebe zur Platane

-

Die 34jährige Julia Franck ist Schriftstellerin. Sie hat sich für die Platane Nummer 694 im Park am Lietzensee entschieden.

Die Platane ist für mich ein Baum des Südens. Prächtige Boulevards in Frankreich und in Spanien ganze Avenidas sind von Platanen gesäumt. Mit ihren riesigen Kronen und den spiegelglatten, sattgrünen Blättern werfen sie einen lichten Schatten. Selbst auf ihrem Stamm scheint das Sonnenlicht zu tanzen, die hellen Flecken künden von der beständigen Schälung und Erneuerung dieses Baumes.

Bäume faszinieren mich von Kindheit an. Als ich klein war, habe ich im Herbst Kastanien und Eicheln gesammelt und sie in Töpfen auf dem Fensterbrett meines Zimmers über den Winter keimen und wachsen lassen. Im Frühjahr habe ich die kleinen Bäumchen ausgesetzt. Auf dem Land ist das möglich, in der Stadt leider verboten. Hier darf nicht jeder, der will, einfach einen Baum pflanzen, selbst wenn er – wie ich – findet, dass Berlin noch längst nicht genügend Bäume hat. Da braucht es schon eine Genehmigung, und um diese zu erlangen, ist eine Bürgerstiftung durchaus sinnvoll. Von mir aus könnten unsere Mietshäuser inmitten von Wäldern stehen. Wenn Freunde von mir heiraten, verschenke ich gerne einen Baum, weil ein Baum auf wunderbare Weise ein Leben symbolisiert. Auch zur Geburt meines Sohnes habe ich einen Baum gepflanzt, einen roten Ahorn. Der Baum für meine Tochter steht noch aus. Warum nicht eine Platane? Wie oft leide ich unter der schlechten Luft in Berlin – die sinnvollste und zugleich schönste Abhilfe schaffen Bäume.

Meiner Ansicht nach ist es wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft jenseits von angenommener staatlicher Vormundschaft ein Bewusstsein für die eigene Mündigkeit wiedererlangen. Es sind nicht die Parteien, die uns zu wenige Bäume bescheren, es ist nicht der Staat, der Geld und Arbeit wie ein Gut besitzt und dessen Regierung sie nach Lust und Laune verteilt oder vorenthält. Wir sind es, die Möglichkeiten ausloten und nutzen können, selbst an der Gestaltung unseres Alltags, unserer Stadt, teilzunehmen. Bürgerstiftungen können unabhängig von Parteien und politischen Ideologien wirksam Einfluss auf die Annehmlichkeiten unseres Lebens nehmen. Und eine davon ist, fünf Minuten am Tag unter einem Baum zu liegen und durch das Blätterdach in den Himmel zu blicken.

Bis Frühjahr 2006 sollen rund 350 Bäume in Berlin gepflanzt werden. Für diese Kampagne sucht die Bürgerstiftung Spender, die doppelt Gutes tun: Die Pflanzung unterstützen und die Projekte der Bürgerstiftung. Wer spenden möchte, kann auf eines der folgenden Konten überweisen: Deutsche Bank, BLZ 10070000, Konto 239 3437, Dresdner Bank, BLZ 10080000, Konto 1000007. Weitere Informationen zur Stiftung gibt es unter 83228113 oder www.buergerstiftung-berlin.de .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben