Die Linke : Gefühlte Nähe

Die Linkspartei betont seit kurzem wieder ihre Rolle als ostdeutsche Kraft – in den Ost-Bezirken hat sie immer noch ihr Fundament.

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Wir von hier. In West-Berlin ist die Linkspartei immer noch nicht richtig angekommen, im Ostteil aber tief verankert. Das Foto zeigt einen Stand am Samstag in Pankow.
Wir von hier. In West-Berlin ist die Linkspartei immer noch nicht richtig angekommen, im Ostteil aber tief verankert. Das Foto...Foto: Paul Zinken

Die Idee setzte Stolz auf den Plattenbau voraus und Verbundenheit mit der DDR- typischen Großsiedlung, sonst hätte sie nicht funktioniert: „Gesucht werden die drei ältesten Mietverträge für eine seit dem 1. September 1985 bezogene und noch heute vom Erstmieter bewohnte Wohnung im Neubaugebiet Hohenschönhausen.“ So war es vor ein paar Monaten auf der Internetseite der Linken-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg zu lesen. Und die Idee funktionierte: Es hätten sich Leute gemeldet, keine Parteimitglieder übrigens, sagt Fraktionschef Christian Petermann. Man habe ihnen den ausgelobten Preis übergeben – der Betrag der ersten Monatsmiete in Euro – und gleich noch ein Foto für das Bezirksblatt gemacht.

Petermann weiß, auch wenn er erst 30 Jahre alt ist, wie man die Leute in Lichtenberg erreicht. Die „Platte“ ist wichtig, die Großsiedlung noch immer mit Stolz verbunden. 1987 sei er mit seinen Eltern aus einem Altbau in Mitte in den Neubau in Lichtenberg gezogen, erzählt er – mit Freuden, „weil im Winter nicht mehr die Wasserrohre eingefroren sind“.

Die „Platte“ steht nicht bloß für Wohnkomfort à la DDR. Sie steht für das stärkste Wählerpotenzial der Linkspartei – immer noch. In Lichtenberg mit seiner Großsiedlung Hohenschönhausen hat die Linke 2006 satte 35,6 Prozent der Stimmen geholt. Reste der Nähe zum versunkenen System sind in allen Ost-Berliner Bezirken noch zu finden, mal mehr, mal weniger deutlich. In Pankow beispielsweise, wo zu DDR-Zeiten die Herrschenden ganz bürgerlich wohnten, holte die Linke 2006 rund 23 Prozent. Dass es nicht mehr für die rund 42 Prozent von 2001 reichte, dürfte mit dem bürgerlichen Zuzug zu tun haben. Doch auch bei der vergangenen Wahl wusste der Linkspartei-Kandidat Stefan Liebich noch, wo er treue Wähler finden würde: im Altentreff der „Volkssolidarität“. Da saßen 30 Rentner und lauschten, als Liebich sagte, er sei früher vom DDR-System „sehr überzeugt“ gewesen.

So gewinnt man die Stimmen von Leuten, die an der DDR manches nicht so schlecht fanden. An die appelliert die Linke jetzt wieder. Im Leitantrag für den Landesparteitag vom vergangenen Wochenende hieß es, die Linke sei und bleibe „die Vertretung für die Menschen mit ostdeutschen Wurzeln in der Stadt. Nur sie hat bisher für deren originäre Repräsentanz im Senat gesorgt und deren Interessen in der Politik vertreten“. Das ist Wahlkampfrhetorik und der letzte Halbsatz enthält eine glatte Lüge, aber darum geht es nicht. Bei Leuten mit guten Erinnerungen an die DDR hat die Linke das Vertretungsmonopol.

Um das zu behalten, solange es geht, ist Abgrenzung wichtig. Christian Petermann, der junge Chef der Lichtenberger Links-Fraktion, erklärt das so: Nach der DDR-Erfahrung kam für viele Ostdeutsche der Eindruck dazu, ihre Lebenserfahrung werde nicht geschätzt. Das „Rentenstrafrecht“ sei „ein gutes Beispiel dafür, dass sie Leute sich zurückgesetzt fühlten“, sagt Petermann. „Rentenstrafrecht“ – damit ist gemeint, dass Berufstätigen nicht ihre ganze Lebensarbeitszeit für die Rente angerechnet wurde, wenn sie in systemnahen Bereichen gearbeitet hatten. Seine Motivation sei eine andere, sagt Petermann. Wie wohl alle Jungen in der Linkspartei ist er bewegt von allem, was mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu tun hat. Plattenbau und Hausgemeinschaft sind Kindheitserinnerungen. Doch verbindet ihn mit der älteren Generation die Erfahrung des Zurückgewiesenseins. Dass Leute nach der Wende ihre Arbeit verloren, hat er als Jugendlicher gesehen. So betrifft auch seine Generation, was Petermann die „kollektive Erfahrung des Zurückgesetztwerdens“ nennt.

Christina Emmrich, Bürgermeisterin seit 2002, personifiziert den Übergang von der DDR in die BRD, der sich für viele Anhänger der Linkspartei noch immer als harter Weg darstellt. Emmrich, viele DDR-Jahre SED-Mitglied und Gewerkschaftsfunktionärin, lobte noch vor zwei Jahren in einem Gespräch die Kinderbetreuung der DDR als vorbildlich, die Ganztagsschule mit Hort. Die DDR, sagte sie, sei im Hinblick auf die Kinder gerechter gewesen, „weil nicht das Geld der Eltern entscheidend war“. Emmrich schafft es mit viel Gefühl für scharfe Gegensätze, den Lichtenbergern zu vermitteln, dass eine von ihnen sich um sie kümmert – eine, der das Ankommen in der Bundesrepublik nicht leichtgefallen ist. Das hat der Linken 2006 bei der Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung 40 000 von 100 000 Wählerstimmen eingebracht.

Genauso funktioniert es in Marzahn-Hellersdorf. Ein Drittel der abgegebenen Stimmen ging 2006 auf Landesebene an die Linken, 38,2 Prozent waren es auf der kommunalen Ebene. Bürgermeisterin Dagmar Pohle hatte im Abgeordnetenhaus Politik für die PDS gemacht. Dann gab sie zu, mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Lange ist das her, ihren Aufstieg im Bezirk hat es nicht behindert. Die Stasi-Mitarbeit kann einfach Teil der Biografie gewesen sein in einem Bezirk, in dem zu DDR-Zeiten enorm gebaut und gesiedelt worden ist, in dem Facharbeiter und Verwaltungsmitarbeiter vor 30 Jahren ihren Staat als leistungsfähig, modern und familienfreundlich erinnerten. Neubauten auf freien Feldern, Klubgaststätte, Kaufhalle für Facharbeiter, Verwaltungsmitarbeiter und „zwei ganze Straßen bewaffnete Organe“.

Das sagt Norbert Seichter, der Bezirksvorsitzende der Linken in Marzahn-Hellersdorf und Geschäftsführer des Bezirksverbands Tempelhof-Schöneberg. Seichter, ein Mann von etwa 60 Jahren, kann einem die DDR erklären – und auch die vereinte Bundesrepublik – aus der Perspektive des „Materialisten“, wie er sagt. Das Potenzial der Linken wohnt in hohen Plattenbauten, die nicht anders in der Landschaft stehen als die Hochhäuser in Spandau. Aber von den Leuten in Marzahn und Hellersdorf sagt Seichter: „Natürlich hat es die meisten nach der Wende ziemlich hart getroffen.“ Ein ganzer Bezirk sei mit einem Schlag konfrontiert worden mit der Tatsache: „Mit Arbeit is’ nich’“. Da ist wieder diese DDR-Erfahrung, die zur Ausbildung einer „Ostmentalität“ geführt hat: Mit dem Einzug in die Platte war es aufwärtsgegangen. Eine nette Hausgemeinschaft, die Kinder betreut, die Arbeit sicher. Dann die Erfahrung, dass der Untergang der DDR für viele objektiv, aber nicht subjektiv einen Gewinn an Freiheit gebracht hat. Das Sein, sagt Seichter, der Materialist, bestimme eben das Bewusstsein.

Zum Sein in Marzahn und Hellersdorf gehört, was Seichter die „mehrfach gebrochenen Biografien“ nennt: Zusammenbruch der DDR, Verlust der Arbeit, Nichtanerkennung von Lebensleistung. Nicht dazu gehören das Ende der Stasi und der Zusammenbruch des autoritären Systems. Seichter, vormals Parteisekretär an der Volksbühne, hat mit seinen Überzeugungen gehadert: Der „Mangel an Demokratie“ sei es gewesen, „was die Partei“ – die SED – „handlungsunfähig gemacht“ habe. In seinem Heimatbezirk ist die Linke längst wieder – oder immer noch – die handlungsfähigste der Parteien: für die Alten mit den ostalgischen Gefühlen, für die jungen alleinerziehenden Mütter, die zugezogen sind, weil die Wohnungen billig waren. Für sie alle ist die Linke die politische Normalität.

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