Berlin : „Die Löhne sind ein Skandal“

Bessere Ausbildung, mehr Geld und psychologische Betreuung für das Personal, empfiehlt Pflegewissenschaftlerin Sabine Bartholomeyczik

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Wie viele Mitarbeiter braucht ein gutes Pflegeheim?

Das hängt nicht nur von der Anzahl der Bewohner ab, sondern auch davon, wie viel Unterstützung und Pflege die Bewohner brauchen. Fakt ist, dass der Personalschlüssel, den Krankenkassen und Altenheime vereinbart haben, in zahlreichen Einrichtungen nicht ausreicht. Problematischer ist jedoch, dass nur die Hälfte der Mitarbeiter ausgebildete Fachkräfte sind. Denn in Zukunft werden immer mehr Heimbewohner auf professionelle Pflege angewiesen sein. Schon jetzt sind etwa 60 Prozent der Menschen in Pflegeeinrichtungen an Demenz erkrankt. Da hilft nicht allein der gute Wille der Pflegenden, sondern nur eine kenntnisreiche Ausbildung.

Reicht die dreijährige Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger für den Job aus?

Nicht immer. Oft wird dabei nicht auf die Fähigkeit zur Diagnostik geachtet, sondern sehr stark auf den unmittelbaren Einsatz an den kranken Bewohnern. Wenn ein Heimbewohner etwa nicht essen will, kann das ganz verschiedene Ursachen haben. Vielleicht hat er sein ganzes Leben lang etwas anderes gegessen, als der Speiseplan im Heim anbietet. Vielleicht haben ihm Ärzte aber auch Medikamente verschrieben, die quasi als Nebenwirkung Übelkeit erzeugen. Vielleicht hat er Angst, das Essen könnte ihn zu einer Verletzung religiöser Vorschriften verleiten. Um dies zu erkennen, benötigen Pfleger und Schwestern eine fundierte Ausbildung. Hinzu kommt, dass wegen der knappen Personalausstattung wenige Pfleger viele Bewohner betreuen müssen.

Wie schätzen Sie denn die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte ein? Immer wieder klagen Mitarbeiter über miserable Arbeitszeiten und Personalmangel.

Die Arbeitsbedingungen sind schwierig und dadurch oft schlecht. Altenpflege galt jahrelang als eine Art Abstellplatz für junge Frauen, die in anderen Branchen keine Ausbildung gefunden haben. Nachtschichten, kaum Pausen und seelische Belastungen können stark an den Nerven zehren. Hinzu kommt, dass Pflegende in der Öffentlichkeit wenig Unterstützung bekommen und oft persönlich für Fehler haftbar gemacht werden, die eigentlich auf das gesamte System zurückzuführen sind. Dabei ist dies ein Job mit Zukunft, die Branche wächst. Ein Skandal ist die Bezahlung. Rund 1100 Euro netto im Monat sind kein angemessener Lohn.

Warum machen Menschen diese Arbeit dann?

Einige haben in anderen Berufen keine Ausbildung bekommen, die meisten jedoch treibt ein humanitärer Anspruch. Das führt leicht dazu, dass sie glauben, eine unzureichende Personalausstattung oder eine schlechte Ausbildung durch viel Engagement ausgleichen zu müssen. Das führt zu Ausgebranntsein, innerer Kündigung und Gleichgültigkeit.

Warum organisieren sich Pfleger nicht ähnlich wie die Ärzte in einer starken Gewerkschaft?

Man geht nicht wegen des Geldes in die Pflege, hieß es früher oft. Viele Schwestern und Pfleger sehen ihren Job als Dienst am Menschen und treten deshalb nicht so sehr für ihre eigenen Interessen ein. Allerdings hört diese Bescheidenheit sicher auch irgendwann mal auf. In den USA, England und den skandinavischen Ländern bekommen Pflegekräfte nicht nur deutlich mehr Lohn, auch das Berufsprestige einer Schwester oder eines Pflegers ist dort sehr viel höher. Außerdem müssen Pflegende in diesen Ländern zumeist ein Hochschulstudium absolviert haben. Spezialisierungen durch Studiengänge sind dort üblich. Deshalb verdienen die Kräfte aber auch bis zu 1000 Euro mehr.

Der Pflegeberuf ist stressig. Wie kann den Beschäftigten ganz unmittelbar geholfen werden?

Die Betreuung durch einen Psychologen von außerhalb kann sinnvoll sein. Allerdings fühlen sich Pflegende und Heimleiter angesichts der zahlreichen Skandale ohnehin schon permanent beobachtet. Der Besuch eines Psychologen darf deshalb nur als fördernde Beratung, nicht als Kontrolle gedacht sein. Unterstützung mit Bildungsangeboten für die Bewältigung ihrer Aufgaben ist ebenfalls wichtig. Inzwischen werden vielerorts Studiengänge wie Pflegepädagogik und Pflegemanagement angeboten. Diese Entwicklung ist aus pflegerischer Sicht nur zu begrüßen.

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