Die Luftbrücke : "Meine Mutter ist immer rüber"

Care-Pakete aus Tempelhof gelangten einst auch in den Osten. Nicht nur deshalb wollen dort viele heute ins Wahllokal gehen.

Sandra Dassler

Christa Galle ist im Osten Berlins geboren und hat immer dort gelebt. Erst in Köpenick, dann in Mitte und die letzten 30 Jahre in Marzahn. Morgen wird die 65-Jährige für den Weiterbetrieb des Flughafens Tempelhof stimmen. „Selbstverständlich“, sagt sie: „das ist ja wohl das Mindeste, was wir für ihn tun können“.

Eine wie Christa Galle dürfte es gar nicht geben. Denn die „Ost-Berliner“, vornehmlich jene, die in den östlichen Randbezirken wie Marzahn und Hellersdorf leben, interessiert – so war immer wieder zu hören – Tempelhof überhaupt nicht. Schon deshalb, weil ihnen angeblich der historische Bezug fehlt, die emotionale Beziehung sozusagen.

Christa Galle aber reagiert total emotional. „Nee, nee, nee“, sagt sie resolut und schiebt ihr Fahrrad durch die Marzahner Langhoffstraße: „Auch viele Ost-Berliner waren ja Nutznießer der Luftbrücke. Ich erinnere mich noch genau an die Care-Pakete. Wir wohnten damals zwar in Köpenick, aber meine Mutter ist immer rüber und hat sich die Pakete geholt, weil meine Schwester und ich immer Hunger hatten. Nee, der Flughafen muss bleiben – egal, wie er genutzt wird.“

Es gibt auch andere Meinungen in Marzahn. Vor der Verwaltung der Wohnungsgenossenschaft Friedenshorst pflegt Peter Weise die Grünanlagen. „Mir ist Tempelhof völlig gleichgültig“, sagt der 26-jährige Landschaftspfleger: „Ich kenne auch keinen, der sich dafür interessiert.“ René Heider, ein 22-jähriger Student an der Fachhochschule für Wirtschaft, will hingegen seine Stimme abgeben: „Der Flughafen muss schon aus Sicherheitsgründen geschlossen werden“, sagt er. „Der stellt ein zu großes Risiko mitten in einer Vier-Millionen-Stadt dar.“ Dass Tempelhof als Flughafen zu riskant ist, findet auch ein 40-jähriger Straßenreiniger, der gerade ein zerfleddertes Plakat der Flughafenfreunde von der Straße aufliest.

Östlich des früheren Grenzübergangs Bornholmer Straße gibt es kaum Tempelhof-Plakate. „Tempelhof?“, fragt Edith Winter: „Wen interessiert denn das? Ich jedenfalls fliege nicht – höchstens auf die Straße.“ Die 75-Jährige lacht glucksend. Sie sitzt im Frisörsalon in der Finnländischen Straße. Manche Hausfassaden leuchten hier in frischen Farben, während andere nur einen verschämten Billiganstrich im Erdgeschoss erhalten haben. Darüber ist es beim DDR-Grau geblieben. Edith Winter findet, dass es wichtigere Dinge gibt als Tempelhof: die Zukunft der Renten etwa oder die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Christina Scholz stimmt ihr zu. Sie hat den Salon im August 1989 gekauft. Im November ging direkt vor ihrer Tür die Grenze auf – Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen waren wieder verbunden. „Das war ein historisches Ereignis“, sagt Christina Scholz. „Aber Tempelhof? Die Luftbrücke war wichtig, aber dafür reicht ein Denkmal zur Erinnerung.“ Abstimmen kann Christina Scholz nicht. Sie wohnt in Erkner, das zu Brandenburg gehört. Ihre Angestellte Viola Tatschke aus Köpenick will hingegen auf jeden Fall wählen. „Ich bin gegen die Offenhaltung“, sagt sie: „Das wird ein Flughafen für Super-Reiche.“

Klaus Dreschkewitz hingegen, der seit 26 Jahren in Prenzlauer Berg wohnt, findet, dass Tempelhof offen bleiben sollte: „Das ist einfach ein Stück Kulturgeschichte“. In seinem Bekanntenkreis sei die Stimmung fifty-fifty, schätzt er. Mit Ost und West habe das nichts zu tun: „Freunde, die in Tempelhof wohnen, sind auch gespalten“, sagt er: „Die einen wollen Ruhe und Sicherheit, die anderen fürchten, dass die Mieten steigen. Da geht es um sehr gegenwärtige Interessen.“

Wie anderswo auch. Auf dem Baumarkt-Parkplatz kurz vor Bohnsdorf an der Grenze zum brandenburgischen Schönefeld. Da wird der Ton manchmal schärfer: „Ich bin hier sowieso der böse Wessi“, sagt ein Mann, der ein Haus in Bohnsdorf geerbt hat und seinen Namen nicht nennen will: „Diese elende Kommunistenhetze von Wowereit und seinen Genossen spaltet Berlin noch mehr. Von wegen ,Flugplatz für die Reichen’ – das ist ein Appell an die niedersten Instinkte. Das ist Populismus pur. In Wahrheit macht Rot-Rot den Westen platt. Alles geht den Bach runter zugunsten des Ostens. Wenigstens Tempelhof müssen wir retten.“

Der Polizeibeamte Harald Heine spricht ebenfalls von Populismus – allerdings bei der CDU. „Eine Stadt wie Berlin braucht keine drei Flughäfen. Meine Frau und ich stimmen mit Nein.“

Die vier Männer am Tresen in der Bohnsdorfer Dorfkneipe haben nicht gegen BBI gekämpft. „Der Zoff kam nur durch die Zugezogenen“, sagt einer. „Wir anderen leben hier schon immer mit dem Flughafen – und von ihm. Ich bin dort seit 1969 als Ingenieur tätig.“ Die anderen nicken. Trotzdem könne Tempelhof ruhig weiterbetrieben werden, meinen sie. Dafür würden sie sogar stimmen – Hauptsache der Großflughafen kommt und mit ihm der Aufschwung. Wirtin Doreen Frey nickt. „BBI ist die Zukunft und Tempelhof ist Geschichte.“Sandra Dassler

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