Berlin : Die Lust am Klischee

„Times“-Korrespondent und Tagesspiegel-Kolumnist Roger Boyes schließt in seinem Buch „My dear Krauts“ Frieden mit den Deutschen

G,a Bartels

Der erste Lacher steht ganz vorn im Buch. „Gewidmet dem Finanzamt Berlin-Wilmersdorf“, ist zu lesen. Und tatsächlich hat der notorische Geldmangel, mit dem Roger Boyes’ literarisches Ich in „My dear Krauts“ kokettiert, etwas mit dem wirklichen Leben des Briten zu tun. Werden Auslandskorrespondenten der Londoner „Times“ so schlecht bezahlt? „Das nicht. Aber ich muss jede Menge Steuern nachzahlen und bin deswegen stark am Verkauf meines Buchs interessiert.“

Immerhin wohnt er nicht schlecht. In der Beletage einer Grunewald-Villa, die auch sein vollgestopftes Büro samt freundlich grüßender Assistentin beherbergt. Im großzügigen Schlafzimmer unterrichtete einst Isadora Duncan Ausdruckstanz. Die Einrichtung changiert zwischen Rosamunde Pilcher und Lawrence von Arabien: Blümchensofas, Antiquitäten, zerschlissene Teddys, Mitbringsel aus aller Welt. Einziger Fremdkörper: ein Riesenfernseher. „Eine WM-Investition“, sagt Boyes und lässt sich aufs Sofa fallen, „jetzt will ich ihn wieder loswerden. Sind Sie interessiert?“

Eine Satire sei „My dear Krauts“, sein erstes Unterhaltungsbuch, nicht, betont Boyes. „Das ist ein Erfahrungsbericht. Die Absurditäten existieren in meinem Leben.“ Ein Erfahrungsbericht, in dem ein Freund etwas mit der Tochter von Hitlers letztem Kellner anfängt, sein Steuerberater im Büro die Analdrüsen eines Hundes abtastet und er beim Berlin-Marathon schummelt? „Ja, ich habe wirklich Hitlers letzten Kellner getroffen. Die Szene im Steuerberaterbüro ist auch echt. Und beim Marathon schummeln jedes Jahr 100 Leute, das ist belegt. Ich bin immer ganz eng an der Wahrheit.“ Die Leser sollen spekulieren, was wahr ist, was nicht. Und Überzeichnungen und Derbheiten gehören nun mal zum britischen Humor.

Über Klischee-Deutsche schreiben und nach Klischee-Briten gefragt zu werden – hat Roger Boyes das nicht langsam satt? „Ja!“, seufzt er erst grinsend und schwenkt dann um. „Es ist eine absolut faszinierende Aufgabe. Ich arbeite im Klischee-Geschäft.“ Am Auslandskorrespondenten hinge nun mal die Last, seinen desinteressierten Landsleuten ein fremdes Land zu erklären. Da könne man Klischees als Trojanische Pferde nutzen, um kleine Wahrheiten über die Deutschen zu transportieren. „Klischees sind meine gemeinsame Sprache mit dem Leser.“

Der 54-jährige, in Hereford geborene Engländer mit den flinken Augen berichtet seit 1993 aus Deutschland, erst aus Bonn und seit 1999 aus Berlin. Davor hat er in Warschau, Moskau und Rom gearbeitet und Theologie, Germanistik und Politikwissenschaften studiert. „Ich bin nomadisch aufgewachsen. Auch viel in Deutschland, wo mein Vater stationiert war.“ Ach, der knorrige Bomberpilot aus dem Buch? „Ja, den gibt’s wirklich.“

Mit der Nachkriegsversöhnung zwischen Briten und Deutschen sei es in letzter Zeit nicht einfacher geworden, meint Roger Boyes. Denn wenn die Deutschen jetzt nicht nur Täter, sondern auch Bombenkriegsopfer sein dürften, dann müssten ja die Engländer auch Täter sein. „Deswegen habe ich jetzt ja auch ein Versöhnungsbuch für mehrere Generationen geschrieben.“ Er sei gespannt, ob bei seiner Lesung über die bissige Veteranenveräppelung gelacht wird.

Dann bekommt Hund Mac erst mal ein Leckerli. Der weiße Westie hat die Ruhe weg und ist natürlich ebenfalls in „My dear Krauts“ verewigt. Auch ein Engländer? „Nein, Schotte. Die haben ja viel mit den Deutschen gemeinsam: stur, blass und voller Selbstzweifel.“

Alle zwei Wochen gießt Roger Boyes in seiner Tagesspiegel-Kolumne „My Berlin“ einen Kübel Spott über diese Stadt aus. Ob er nicht zur Abwechslung mal was Nettes sagen wolle? „Was Nettes? Über Berlin? Da muss ich nachdenken.“ Längere Pause. „Der Sommer ist schön. Die schläfrigen Kreuzberger Kanäle. Ja.“ Und die Reaktionen seiner Leser? Gibt’s auch giftige Post? „Na klar, reichlich. In großen Druckbuchstaben, mit Kuli geschrieben: BOYES GO HOME und so was.“ Ob ihn das kümmert? „Ja, das trifft mich. Besonders dieses ,Go home‘. Wo soll ich wohl hingehen? Berlin ist mein Zuhause.“

Roger Boyes liest am 21. November, 20 Uhr, im Reingold, Novalisstraße 11 in Mitte, Eintritt frei. „My dear Krauts“ ist ein Ullstein-Taschenbuch und kostet 9 Euro.

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