Berlin : Die Lust auf Leichtes

Am Admiralspalast erinnert eine Gedenktafel an die Intendanten-Brüder Rotter

Jan Oberländer

Es ist eine Szene wie aus einer Agentenfarce. Nur tragischer. Am 5. April 1933 lauern Nazi-Schergen den jüdischen Brüder Fritz und Alfred Rotter sowie dessen Ehefrau Gertrud auf. In den Liechtensteiner Bergen oberhalb von Vaduz kommt es zu einem Kampf, ein zur Verteidigung eingesetzter Spazierstock geht zu Bruch und es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd, an deren Ende Alfred und seine Frau über einen Felsvorsprung in den Tod stürzen. Fritz wird festgehalten und rettet sich später durch einen Sprung aus dem Auto der Entführer. In Frauenkleidern gelingt ihm schließlich die Flucht nach Paris, wo sich um 1939 seine Spur verliert.

Die 1886 und 1888 geborenen Brüder, die mit bürgerlichem Namen Schaie hießen, waren auch in finanzieller Hinsicht Opfer des NS-Regimes. Im Januar 1933 wurden die Rotters, die als Geschäftsleute und Intendanten ab 1920 bis zu neun Berliner Bühnen führten, von den Nazis in den Konkurs getrieben. Neben dem Admiralspalast in der Friedrichstraße, wo heute um 15 Uhr zu Ehren der beiden Intendanten eine „Berliner Gedenktafel“ enthüllt wird, gehörten unter anderem das Metropol-Theater am Nollendorfplatz, das Lessing-Theater und das Theater des Westens zum „Theaterimperium“ der Rotters. Nach der Machtergreifung 1933 flohen die Brüder vor den Nazis nach Liechtenstein, wo sie schon 1931 die Staatsbürgerschaft erworben hatten. Das Waldhotel, das zu jener Zeit den verschiedensten europäischen Flüchtlingen, Geschäftsleuten und Bohemiens Unterschlupf bot, und aus dem die Brüders zu der verhängnisvollen Bergtour herausgelockt wurden, existiert heute nicht mehr. Unterhalb der Felsen, die für Alfred und Gertrud Rotter den Tod bedeuteten, haben Einheimische einen Spiegel mit Inschrift angebracht, der an das Ereignis erinnert.

Die Berliner Erinnerungstafel wird im Durchgang von der Friedrichstraße zum Hof des Admiralspalasts angebracht werden. In dem Haus wurden ab April 1931 regelmäßig Rotter-Produktionen präsentiert. Bei der feierlichen Enthüllung der weißen Porzellanplatte wird Kulturstaatssekretär André Schmitz das „große kulturelle Leben vor 1933“ würdigen, der Autor und Rotter-Biograf Peter Kamber stellt die beiden Impresarios ausführlich vor.

Fritz und Alfred Rotter ließen in ihren Theatern Wedekind und Strindberg aufführen, spielten Goethe, Shakespeare und Lessing. Meist standen jedoch leichte Konversationsstücke und schlagerlastige Revuen für das große Publikum auf dem Programm. Ab 1928 konzentrierten sich die Rotter-Bühnen hauptsächlich auf Operetten. Ihre Produktionen von Singstücken des österreichischen Komponisten Franz Lehár wurden sogar in der „New York Times“ erwähnt. Stars wie Hans Albers, Tilla Durieux und vor allem der Belcanto-Tenor Richard Tauber verdanken den Rotters ihren weltweiten Durchbruch. Der bewusste Blick der Brüder auf den Markt erregte regelmäßig das Missfallen der kunstverwöhnten Berliner Theaterkritik. Der Großrezensent Herbert Ihering etwa bezeichnete die Rotter-Brüder als „Macht des Durchschnitts, des Massengeschmacks von New York bis Budapest“. In ihren Theatern versammle sich „die Internationale des Spießertums“ – in den Zuschauerräumen ließen sich daher interessantere Studien treiben als auf der Bühne.

Neuere Einschätzungen sind da milder. Nicht nur an der Friedrichstraße zielt man schließlich auf das große Publikum. Dementsprechend wird bei der Veranstaltung am Nachmittag nicht nur der Admiralspalast-Chef Falk Walter anwesend sein, sondern auch die Leiter anderer Berliner Boulevard-Bühnen wie dem Friedrichstadtpalast, dem Theater am Kurfürstendamm und der Bar jeder Vernunft. Auch Max Raabe steht auf der Gästeliste. Es wird zwar keine Musik gespielt. Die Erinnerung an goldene Theaterzeiten soll trotzdem eine beschwingte sein. Jan Oberländer

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