Berlin : Die lyrische Seite

Autorin Sylvia Krupicka weiß, wie man ein Weihnachtsgedicht schreibt. Sie bringt es einem bei

Daniela Martens

Auf dem Dorfanger von Pankow steht eine weiße Göttin. Wenn der Mond besonders hell scheint, setzt sich Sylvia Krupicka gern auf eine Bank neben die Skulptur mit dem poetischen Namen „Mondfrau“. Eine Zeit lang war dort sozusagen ihr Arbeitsplatz.

Für ihren Job braucht Sylvia Krupicka nicht viel, nur ihren Kopf und ein Notizbuch – möglichst ein besonders hübsches. Zwei bis drei verbraucht sie im Jahr. Sie ist Lyrikerin. Und sie schreibt gern über den Mond. Das Ergebnis ihrer Studien auf dem Dorfanger hat sie vor einem Jahr veröffentlicht: „Mondphasen“ heißt ihr erster Gedichtband. „Der Mond hat etwas sehr Weibliches und gleichzeitig Magisches“, sagt sie. Ein Gedicht über die „Weiße Göttin“ steht am Anfang des Buches. „Milchmondweiß mit bleichem Schein ...“

Die 46-Jährige schreibt nicht nur eigene Verse, sie ist auch „Literaturvermittlerin“. In der Berliner Literaturwerkstatt reimt sie mit Jugendlichen. Für Erwachsene gibt sie Workshops zu Sonetten und Balladen. In Schulen, Kindergärten und Bibliotheken verfasst sie mit Kindern Texte – Vampirgedichte etwa. In ihrer Schreibwerkstatt ist ihr eines besonders wichtig: „Die Leute einfach machen lassen.“ Ob im Rap-Slang dichten oder mit Humor, in Reimen oder lieber ohne.

Die Dichterin hat kein Problem damit, Kunst für ganz Alltägliches einzusetzen: Sie unterrichtet auch, wie man lustige gereimte Texte für Urlaubs- und Weihnachtskarten schreibt. „Gebrauchsgedichte sind etwas Schönes“, sagt sie. Sie selbst liebt den Nonsens – auch zum Fest. Etwa so: „Ich könnte ja mitnichten auch was zur Weihnacht’ dichten, von schneebedeckten Fichten. Ach, lass uns das vernichten: Knüll. Knüll“. Das hat sie mal an die gesamte Verwandtschaft geschickt, sagt sie lachend.

Oder so: „Wie weiße Weihnacht Wunder wirkt, wenn Weihnachtswichtel wenige weiße Wolken wecken“: Solch ein Alliterationsgedicht kommt besonders gut im Kinderkurs an. Die Arbeit mit dem Nachwuchs ist ihr wichtig. Wie man Kindern und Jugendlichen Kultur vermittelt, hat sie schon als Theaterpädagogin erprobt. In Birkenwerder leitete sie ein kleines Theater. Auch für ihre eigenen Kinder macht sie kleine Gedichte. Und die beiden, 12 und 16, dichten prompt zurück. Sylvia Krupicka klebt diese Verse in Alben wie andere Mütter Kinderfotos .

Sie selbst hat mit 19 zum ersten Mal gedichtet: „Liebesgedichte und Texte zu Gitarrengeschrammel, fürchterlich.“ Danach dauerte es eine Weile, bis sie wieder anfing, Gedichte zu schreiben. „Vor sieben Jahren wollte da etwas an die Oberfläche – wie Luftblasen im Wasser.“

Gedichte sind für Sylvia Krupicka verschlüsselte Botschaften. Das spielte in ihrer Jugend in der DDR eine große Rolle: „Es hat mich fasziniert, in Gedichten versteckte Aufrufe gegen das Regime der Betonköpfe zu entziffern.“ Danach flog sie von der Journalistenschule in Leipzig – und landete beim Theater, als Regieassistentin. Das brachte sie im Grunde zu ihrer Profession. „Durch die Wiederholungen bei den Proben habe ich ein gutes Gefühl für den Rhythmus von Sprache bekommen.“ Am Ende wurden Gedichte über Mondfrauen daraus.

Sylvia Krupicka, Tel. 47 48 94 93, www.call-a-story.de

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