Berlin : Die Mafia lässt grüßen

Italienische Gastwirte sollten Schutzgeld zahlen. Der mutmaßliche Drahtzieher sitzt nun vor Gericht

Kerstin Gehrke

Bunte Kugeln und Weihnachtsmänner waren auf den Karten abgebildet. „Mit besten Grüßen der Familie M. aus Neapel“, soll Domenico S. bei der Übergabe erklärt haben. Die Zeilen, die in schlechtem Italienisch verfasst waren, ließen keinen Zweifel: Es ging um Schutzgelderpressung. Mehr als 40 renommierte italienische Lokale sollten zahlen. Doch die Täter hatten die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Seit gestern sitzt S. als mutmaßlicher Drahtzieher vor Gericht.

Domenico S. ist 27 Jahre alt. Ein schlanker Mann mit eckiger Brille und gepflegtem Bart. Er ist in Rom geboren. Mitte 2006 kam er mit einer Deutschen nach Berlin. Er blieb auch, als die Beziehung in die Brüche ging. Wovon er lebte, ist nicht bekannt. In einer Bar soll er schließlich einen gleichaltrigen Palästinenser kennengelernt haben, der jetzt als mutmaßlicher Komplize mit auf der Anklagebank sitzt. Das Verfahren gegen einen 63-jährigen Italiener sei abgetrennt worden, hieß es am Rande des Prozesses.

Sie sollen im Dezember versucht haben, von mehr als 40 italienischen Lokalen Schutzgeld zu erpressen. Laut Anklage nutzte S. einen süditalienischen Dialekt, um den Eindruck zu vermitteln, dass die „Camorra“ dahinterstecke. Er soll es gewesen sein, der die als Weihnachtsgrüße getarnten Schreiben auf den jeweiligen Tresen legte. In diesen wurde zu „spontanen Spenden für die Heiligen Beschützer“ aufgefordert. Und weiter: „Jeden Monat werden unsere Beauftragten vorbeikommen“, um diese Spenden einzusammeln. Wer nicht zahle, müsse „Schmerzen“ ertragen. Am zweiten Weihnachtstag flog dann ein Brandsatz in eine Trattoria in der Badischen Straße in Wilmersdorf. Es entstand Sachschaden.

Angst breitete sich unter den Gastronomen aus. Hatte die Mafia Berlin erreicht? Die Wirte zögerten nicht lange. Sie gingen zur Polizei. Silvester wurden der Italiener S. und der in Berlin geborene Palästinenser A. festgenommen. A. – der Sohn eines Gastwirts – kam drei Monate später frei. Er beteuerte seine Unschuld. „Der S. war ein Gast von uns. Ich half ihm, die Karten zu verteilen. Aber ich kann kein Italienisch, wusste doch gar nicht, was er geschrieben hatte.“

Am ersten Prozesstag kam man über die Verlesung der Anklage nicht hinaus. Bleich saß der mutmaßliche Haupttäter vor den Richtern. Vor dem Gerichtssaal war es sein mutmaßlicher Komplize, der ordentlich vom Leder zog. „Nico ist ein Alleingänger, der außerdem schon zwei Jahre in der Psychiatrie war“, schimpfte der Angeklagte. Domenico S. sei nicht sein Freund gewesen. Ihm habe Nico erklärt, dass er die Grußkarten für einen Mann aus Neapel verteilen solle. „Ich bin drei Wochen mit dem durch die Stadt gefahren und habe mein Gesicht gezeigt“, sagte er und tippte sich gegen die Stirn. Nie im Leben hätte er bei einer Erpressung mitgemacht, sagte der Palästinenser. Als ihm S. von dem Brandanschlag berichtete, habe er das sofort seinen italienischen Freunden erzählt und ihnen auch Nicos Telefonnummer gegeben. Der Prozess wird am 16. Juli fortgesetzt.

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