Berlin : Die Mannschafts-Aufstellung

Wer tritt gegen wen an bei der Bundestagswahl? Ein Überblick der Kandidaten im Kampf um die Berliner Direktmandate

Werner van Bebber,Ulrich Zawatka-Gerlach

Darauf war eigentlich niemand vorbereitet: Neuwahlen zum Bundestag am 18. September 2005. Wenn der Kanzler am 1. Juli das Vertrauen verliert, müssen auch die Berliner Parteien ihre Kandidaten präsentieren. Die Wahlvorschläge müssen bis zum 15. August eingereicht werden. Dazu gehören die Landeslisten der Parteien und die Kandidaten, die in den zwölf Berliner Bundestagswahlkreisen direkt um ein Mandat kämpfen. Noch stehen nicht alle fest, aber interessante Zweikämpfe sind zu erwarten.

WAHLKREIS 76: Mitte

Überraschenderweise tritt Jörg-Otto Spiller (SPD), der seit 1994 im Bundestag sitzt, wieder an. Der ausgebuffte Finanzpolitiker, ehemals Bezirksbürgermeister, trifft auf einen alten Bekannten. Volker Liepelt (CDU), zeitweilig Staatssekretär in der Senatswirtschaftsverwaltung, will Spiller den Wahlkreis streitig machen. Wie schon 2002. Aber Liepelt müsste einen Vorsprung von 16,6 Prozent der Erststimmen wettmachen. Das ist nicht unmöglich, aber schwierig. Wolfgang Wieland, Ex-Justizsenator und grünes Urgestein, hat wohl keine Chance, in den Zweikampf erfolgreich einzugreifen. Wenn er mehr Stimmen holt als der noch unbekannte PDS-Kandidat, wäre das ein schöner Erfolg. Wieland hat sich vorgenommen, über die Landesliste seiner Partei in den Bundestag einzuziehen.

WAHLKREIS 77: Pankow

Die politikinteressierten Pankower können sich, rhetorisch gesehen, auf einen Premium-Wahlkampf einrichten: Wolfgang Thierse wird für die SPD noch die Agenda 2010 schönreden, aber nicht zu schön. Die CDU wird auf jeden Fall von einem Kultur-Schwergewichtler repräsentiert, ganz gleich ob Christoph Stölzl oder Günter Nooke nominiert wird. Für Bündnis 90/Grüne tritt Werner Schulz an, auch ein politischer Feingeist. Die FDP will die Rechtsanwältin Gabi Heise aufstellen. Die PDS lässt ausrichten, man sei sich der Besonderheit der Pankower Politlandschaft bewusst. Gerüchteweise ist von Landes- und Fraktionschef Stefan Liebich als Kandidaten die Rede. Das könnte passen – Liebich gehört nicht zu den verbalradikalen Realsozialisten.

WAHLKREIS 78: Reinickendorf

Hier war und wird es spannend: Nur 635 Stimmen trennten 2002 den SPD-Kandidaten Detlef Dzembritzki und Wahlgewinner vom CDU- Mann Roland Gewalt. Der könnte 2005 zuversichtlich wahlkämpfen, wenn sicher wäre, dass er nominiert wird. Aber Frank Steffel überlegt auch an einer Kandidatur herum. Dann würde Gewalt womöglich in Lichtenberg-Hohenschönhausen für sich und die CDU werben. So gut wie sicher ist, dass für die SPD wieder Detlef Dzembritzki antreten wird. Die FDP wird wohl die Abgeordnete Mieke Senftleben nominieren, die sich im Berliner Norden so gut auskennt wie im Bildungswesen. Lauter ordentliche Kandidaten in einem ordentlichen Wahlkreis.

WAHLKREIS 79: Spandau - Charlottenburg-Nord

Die Spandauer Kandidaten bleiben sich treu. Wie bei der letzten Bundestagswahl konkurrieren der Christdemokrat Kai Wegner und der Sozialdemokrat Swen Schulz um das Direktmandat. Zwei Politikprofis, noch keine 40 Jahre alt. Beide sind Kreisvorsitzende ihrer Parteien in Spandau. Schulz kennt den Bundestag schon; 2002 hatte er im Wahlkreis die Nase vorn. Wegner hat es im Abgeordnetenhaus immerhin zum Vize-Fraktionschef gebracht. Er muss jetzt einen Vorsprung von 5,1 Prozent der Erststimmen wettmachen. Das könnte funktionieren.

WAHLKREIS 80: Steglitz - Zehlendorf

Bei der vergangenen Wahl konnte er einen Coup landen: Klaus Uwe Benneter, Rechtsanwalt und damals Wortführer der SPD-Linken, schnappte in dem bürgerlichsten aller Wahlkreise dem Kollegen Rechtsanwalt, Uwe Lehmann-Brauns (CDU), das Mandat weg. Mit einem knappen Vorsprung von 2,4 Prozent. Die Union konnte es nicht fassen. Diese Scharte will der Berliner Abgeordnete Karl-Georg Wellmann (CDU), der selbstverständlich auch Anwalt ist, auswetzen. Der Unionskandidat gilt als Favorit. Der FDP-Landeschef und Bundestagsabgeordnete Markus Löning kann sich diesen Wettstreit in aller Ruhe anschauen. Er soll wieder die Landesliste der Liberalen anführen und wird auf diesem Weg ein Mandat bekommen.

WAHLKREIS 81:

Charlottenburg - Wilmersdorf

Die SPD setzt auf die bewährte Petra Merkel, die im netten Berliner Westen 2002 ein Direktmandat gewann. Die CDU hingegen setzt auf einen Neuen: Der Rechtsanwalt Christoph Lehmann soll Nachfolger von Siegfried Helias werden. Helias hat nach zwei Legislaturperioden genug vom Bundestag.

WAHLKREIS 82: Tempelhof - Schöneberg

Noch einmal Mann gegen Frau. Der rührige Steuerexperte Peter Rzepka (CDU), der 2002 gegen den regen Kulturpolitiker Eckhardt Barthel (SPD) unterlag, brennt nun darauf, den Wahlkreis zu erobern. Seine Gegenspielerin ist Mechthild Rawert, Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen und überdies eine bekennende Katholikin. Das findet man selten in der Berliner SPD. Rawert will den hauchdünnen Vorspung von 1,1 Prozent verteidigen, den Barthel vor drei Jahren einheimste. Aber es fällt auch den Genossen schwer, ihr große Hoffnungen zu machen. Rzepka, der schon im Bundestag sitzt, wird wohl das Direktmandat erringen. Es sei denn, die Verbraucherministerin und Spitzenfrau der Berliner Grünen, Renate Künast, wirft den Turbo an und setzt sich im Wahlkreis an die Spitze. Aber das wäre eine echte Sensation.

WAHLKREIS 83: Neukölln

Den Neuköllnern steht ein Kampf der Giganten bevor. Die CDU wird den „Bürgermeister der Herzen“ Eberhard Diepgen bitten, für sie Neukölln zu erobern und für sich ein Direktmandat. Er tritt gegen seinen ehemaligen Koalitionspartner Ditmar Staffelt an, der seine Karriere als Staatssekretär bei Wolfgang Clement fortgesetzt hat. Staffelt holte 2002 ein Direktmandat. Jetzt ist alles offen. Beiden Männern will eine Frau, Sibyll Klotz, wertvolle Stimmen wegnehmen. Die Grünen-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus bewirbt sich auch in Neukölln.

WAHLKREIS 84: Friedrichshain - Kreuzberg- Prenzlauer Berg Ost

Das wird wieder ein Rennen! Der Graukopf der Grünen, Hans-Christian Ströbele, will es noch einmal wissen. Im Bundestagswahlkampf 2002 konnte er sich knapp gegen den inzwischen verstorbenen SPD-Mann Andreas Matthae durchsetzen. Dieses Mal wird – wahrscheinlich, aber noch nicht sicher – der Sprecher der Berliner SPD-Linken gegen Ströbele antreten. Mark Rackles ist Europareferent in der Senatskanzlei und SPD-Kreischef in Friedrichshain-Kreuzberg. Er muss einen Vorsprung von 2,4 Prozent einholen und gleichzeitig die PDS auf Abstand halten. Wer für die Sozialisten im Wahlkreis antritt, ist unklar. Der CDU-Kandidat Kurt Wansner kann sich wohl nur das Ziel setzen, vom vierten auf den dritten Platz vorzurücken.

WAHLKREIS 85: Treptow - Köpenick

Ein Quereinsteiger-Bezirk: Gegen den etablierten SPD-Mann Siegfried Scheffler treten zwei zureisende Anwälte an. Gregor Gysi, demokratischer Sozialist mit Kanzlei in der feinen Fasanenstraße, will den Teils-Arbeiter-teils-Bürger-Bezirk für den sich gerade neu sortierenden Linksblock gewinnen, der seinen Namen noch nicht gefunden hat. Gysi rechnet sich in Treptow-Köpenick Chancen auf ein Direktmandat aus. Die CDU will den Rechtsanwalt Niels Korte nominieren, dessen Kanzlei in der Friedrichstraße gerade einen Ableger in Adlershof gegründet hat.

WAHLKREIS 86: Marzahn-Hellersdorf

Ein spannender Kampf unter Frauen: Die prominente Direktmandatsinhaberin Petra Pau (PDS) muss sich der Angriffe von Monika Grütters (CDU) erwehren, die auch keine Unbekannte ist. Nur sollte sich die Fachfrau für Hochschulen keine großen Hoffnungen auf ein Direktmandat machen. Der ferne Osten Berlins ist für die Union eine Diaspora. Die SPD hat ihren Kandidaten noch nicht ausgesucht.

WAHLKREIS 87: Lichtenberg - Hohenschönhausen

Schwer zu sagen, was aus Lichtenberg-Hohenschönhausen wird. Gesine Lötzsch, wie Pau 2002 Gewinnerin eines Direktmandates, dürfte den Wahlkreis unter Kontrolle haben. Richtig ernste Konkurrenz können ihr die – hier noch nicht ganz angekommenen – West-Volksparteien nicht machen. Die SPD schickt den jenseits der Bezirksgrenzen nicht so prominenten Andreas Köhler in den Ring. Die in der CDU gehandelte Kandidatin Astrid Jahnz, auch sie vor allem Kennern der Bezirkspolitik bekannt, äußert sich bisher nicht zu den ihr nachgesagten Ambitionen, sondern verspricht nur, man werde Lötzsch „Paroli bieten“. Wie schon angedeutet, könnte Roland Gewalt versuchen, der starken Frau von der PDS den Wahlkampf schwerer zu machen.

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