Berlin : Die Marchs: Eine Familie, die Charlottenburg reich machte

Von den einst prominenten Mitgliedern seiner Familie ist heute nur noch Werner March (1894 bis 1976) weithin bekannt - als Architekt des Olympiastadions, des benachbarten Glockenturms, der Waldbühne und anderer Bauten auf dem ehemaligen "Reichssportfeld". Doch schon die zwei Generationen vor ihm prägten Berlin wesentlich mit und "gehörten zu den Familien, die Charlottenburg reich machten", wie Heimatmuseums-Leiterin Birgit Jochens erläutert. Nach umfangreichen Recherchen - auch bei rund 50 Nachfahren in ganz Deutschland - zeigt das Museum jetzt eine Ausstellung über die Marchs. Birgit Jochens und ihre Kollegin Doris Hünert schrieben dazu auch ein Buch.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg der Familie begann 1836 mit der Tonwarenfabrik Ernst Marchs (1798 bis 1847). Das keramische Baudekor wurde bald europaweit exportiert. Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt fast jedes öffentliche Gebäude Berlins einen Fassadenschmuck aus der Fabrik - darunter das Rote Rathaus, der Martin-Gropius-Bau, die Kuppel des Ägyptischen Museums und der Görlitzer Bahnhof. Nach dem frühen Tod Ernst Marchs leitete seine Frau Sophie (1809 bis 1889) jahrelang das Unternehmen. Noch zu Lebzeiten wurde eine Straße nach ihr benannt, die nicht mehr existiert. Dafür gibt es aber heute die Marchstraße nahe der einstigen Fabrik. Firmenchefs wurden auch Ernst Marchs Söhne Emil und Paul sowie dessen Sohn Albert, der den Betrieb schließlich der "Deutschen Ton- und Steinzeugwerke AG" angliederte - teils als Folge eines Brandes im Jahr 1899, der die Produktion stark beeinträchtigt hatte. 1904 gaben die neuen Eigentümer die Fabrik auf und rissen sie ab. Das nahe Wohnhaus "Villa March" mit einem Skulpturengarten wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Otto March (1845 bis 1913), der jüngste Sohn des Firmengründers, war derweil als Architekt tätig. Er schuf unter anderem das "Deutsche Stadion" und die Rennbahn Grunewald auf dem heutigen Charlottenburger Olympiagelände. An gleicher Stelle entwarf sein Sohn Werner dann das zu den Olympischen Spielen 1936 eröffnete Reichssportfeld. Die Fassadengestaltung des Olympiastadions musste er allerdings Albert Speer überlassen, weil Adolf Hitler eine Werksteinverkleidung verlangte. 1933 war Werner March in die NSDAP eingetreten. Bei seiner "Entnazifizierung" nach dem Zweiten Weltkrieg verteidigte er diesen Schritt mit Intrigen gegen ihn; er habe "keinen anderen Ausweg" gesehen, um sein Werk zu retten. 1960 bekam er den Auftrag zum Wiederaufbau des Glockenturms auf dem Olympiagelände. Die spätere Überdachung des Olympiastadions kritisierte der Architekt als Verschandelung seines Entwurfs. CD

Die Ausstellung "Von Tonwaren zum Olympiastadion. Die Familie March. Eine Erfolgsstory" im Heimatmuseum, Schloßstraße 69, läuft bis zum 30. November (Di. bis Fr. 10 bis 17 Uhr, So. 11 bis 17 Uhr) bei freiem Eintritt. Das gleichnamige Buch aus dem Metropol Verlag kostet 24,80 Mark. Zudem gibt es Führungen zu Gräbern der Familie und Grabmalen mit Dekor der Tonwarenfabrik auf dem Luisenfriedhof. Treffpunkt ist am 14. Oktober am Eingang Guerickestraße und am 28. Oktober an der Königin-Elisabeth-Straße (jeweils 15 Uhr).

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