Berlin : Die Mark wird zum Sammlerobjekt

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Bargeld schenken? Nicht jedermanns Sache. Münzen und Scheine gehören zwar nicht zu den Präsenten, denen grundsätzlich Umtausch droht, gelten aber als einfallslose und ausgesprochen unromantische Lösungen. In diesem Jahr, kurz vor Weihnachtsfest und Währungswechsel, hat es auch hier Verschiebungen gegeben. Das bislang Verpönte gilt manchem jetzt als originell.

Da sind zum einen die Bankkunden, die letzte Woche gleich ein halbes Dutzend "Starter Kits" orderten, um ihre Lieben mit den ersten Euros ihres Lebens zu beglücken. Ein vergleichsweise preiswertes Präsent. Denn auf der anderen, der rückwärtsgewandten D-Mark-Seite ist in der Preisklasse von 20 Mark nur wenig auszurichten und Repräsentatives schon gar nicht zu erlangen.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Selbst Leute, die das Sammeln von Münzen sonst weit von sich weisen, finden jetzt den Weg zu den Spezialgeschäften der Stadt, um sich schimmernde Erinnerungen an die Mark über den Ladentisch reichen zu lassen, sei es als Präsent für Verwandte, Freunde, Geschäftspartner oder als Geschenk an sich selbst. Viele Touristen und Berliner, sonst ohne Sammelleidenschaft, hat etwa Elvira Saric von "Münzen & Scheine" im Europa-Center unter ihren Kunden ausgemacht. Ein Renner sind dort die Komplettsätze einer Jahresprägung, also alle Münzen zwischen 1 Pfennig und fünf Mark, die 2-Mark-Stücke sogar zwei- oder dreifach, je nachdem, wieviele Köpfe im Verlauf eines Jahres darauf auftauchten. Solch einen Einzelsatz, eingeschweißt mit unpoliertem "Stempelglanz", gibt es aus den Jahren 1975-83 schon für um die 35 Mark, rund das Dreifache des Nennwerts, ein Angebot für numismatische Anfänger. Sehr begehrt sind auch Einzelsätze der Qualitätsstufe PP ("polierte Platte"), Ausgabejahr 2001, für die man schon 185 Mark hinblättern muss. Das komplette Set für 2001, also Münzsätze aus allen fünf bundesdeutschen Prägeanstalten, gibt es mit Stempelglanz für 450 Mark, verglichen mit dem Set von 1995 ein Schnäppchen: Wegen geringerer Auflage waren diese Sets nur für 2500 Mark zu haben, weiß Elvira Saric zu berichten.

Auch bei "Münzen - Medaillen" in der Belziger Straße 28 in Schöneberg liefen die Münzsätze gut, jetzt sind sie dort ausverkauft. Quelle des sich auf Sammler wie Souvenirjäger verteilenden Münzregens, so berichtet Inhaberin Renate Niermeier, sei die Bundesschuldenverwaltung in Bad Homburg, von Amts wegen damit betraut, die Sammlerszene mit frischem Geld zu versorgen. Die letzte von dort verteilte Goldmark war für den Schöneberger Laden aber kein Hit, das Geschäft sei meist über die Banken gelaufen. Nur Stammkunden habe man beliefert, für 380 Mark pro Münze, die vom Staat an die Großhändler für 250 Mark ausgegeben worden war. Ausgabetag war der 25. August, am Goldpreis des Vortages orientierte sich auch der Preis des goldenen Markstücks, der ausnahmsweise den Aufdruck Deutsche Bundesbank trug. Auf den ersten goldenen Euro-Münzen wird aber wieder wie gewohnt Bundesrepublik Deutschland auftauchen. Ausgabetag ist der Europatag am 9. Mai 2002, es wird eine 100-Euro- und eine 200-Euro-Münze geben.

Erleichtert sind die Münzhändler auf jeden Fall, dass es nach der Euro-Einführung in ihren Geschäften wieder etwas ruhiger zugehen dürfte. Eine Plakataktion vor einigen Monaten, die Otto Normalverbraucher dazu bewegen sollte, seinen Geldbeutel nach numismatischen Kostbarkeiten zu durchstöbern, hat der Branche viel Laufkundschaft, aber wegen nur wenig brauchbarer Münzen kaum einen Geschäftszuwachs beschert. Im Laden im Europa-Center hatte man schon einen Zettel an die Tür gehängt, dass diese und jene vermeintlich kostbare Münze nur wertlose Massenware sei.

Alter allein zähle nicht, nur was zum Zeitpunkt der Ausgabe schon eine Rarität gewesen sei, sei es auch heute und damit für Sammler interessant, fasst Michael Gietzelt von der "Münzgalerie" in der Frankfurter Allee 106 a zusammen. Über die Anzeigenkampagne kann er sich noch immer richtig aufregen, hat sie ihm doch viel überflüssigen Stress durch unwissende Kundschaft beschert, die nicht einsehen wollten, dass ihr uraltes 50-Pfennig-Stück aus den Gründerjahren der Bundesrepublik nur genau 50 Pfennig wert ist. Und überhaupt die Preise, die teilweise auf den Plakaten für bestimmte Münzern versprochen wurden: "Absolut schwachsinnig."

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