Berlin : Die Maschine läuft weiter

Sie waren die bekannteste Band der DDR – und haben nach der Wende auch den Westen erobert. Zum Konzert der Puhdys kommen Menschen aus Hannover nach Berlin – und bringen ihre Kinder mit

Thomas Loy

Links von Dieter Birr bläst sich ein gigantischer Weihnachtsmann auf. Hinter ihm fährt der Nikolaus Motorrad. Er trägt eine gelbe Sonnenbrille. Draußen auf dem Plakat waren Dieter Birr und seine Puhdys-Rocker noch als Blues Brothers mit schwarzen Sonnenbrillen zu sehen. Wie passt das zusammen? Gar nicht. Später singt Gaststar Kathleen Österreich „Ave Maria“ und noch später singen die Puhdys die Hymne für den Eishockeyclub „Die Eisbären“. Passt auch nicht zusammen. Macht aber nichts. Morgen ist Heiligabend. Da wird jeder Wunsch erfüllt.

Die Puhdys haben ihre Weihnachtstour 2003 mit einem umjubelten Konzert im Tempodrom beendet. Die Puhdys, sie wissen schon, die etwas angepasstere Band aus der DDR mit den vielen Werbefernsehauftritten. Frontmann Dieter „Maschine“ Birr hat mal Universalschleifer gelernt und ist dann zur „Schule für Tanzmusik“ in Friedrichshain gewechselt. Dort wurden die Puhdys 1965 geboren. Da war Maschine 21 Jahre alt, heute ist er knapp unter 60. Im Sommer erlitt er infolge eines Zeckenbisses einen Schwächeanfall auf der Bühne. Davon hat er sich erholt, aber Maschine sieht wieder ein bisschen älter aus als noch vor einem Jahr. Macht aber nichts, so ein Alter. Da singt man einfach drüber weg. Mit dem Mega-Oldie der Puhdys als Jungbrunnen: „Alt wie ein Baum…“

Aber erstmal weihnachtet es auf der Bühne und davor. Einige Fans – die meisten sind deutlich jünger als Maschine – haben sich rote Zipfelmützen mit Blinksternchen aufgesetzt. Auf den Rängen werden bei den gefühligeren Songs Leuchtstäbe geschwenkt. Altrocker Birr singt von günstigen Sternen und Träumen, die in Erfüllung gehen sollen. Und vom Glauben, also dass wir den nicht auch noch verlieren. Solche Sachen singt er, weil eben Weihnachtszeit ist und eine Weihnachts-CD – nein: eine DVD – herauskommen soll. Deshalb schwenkt eine ferngelenkte Krankamera immer wieder gefährlich dicht über die Köpfe der Fans hinweg, um direkt vor Maschine stehen zu bleiben und die Sicht zu versperren.

Gekommen sind viele Familien, meistens mit Ost-Biographie. Die Thielers – er BVG-Busfahrer, sie Verkäuferin – haben ihre Tochter dabei. Anno 73 hörte er die Puhdys zum ersten Mal, bei den Weltfestspielen auf dem Alexanderplatz. Und was soll er sagen, die Musik gefällt ihm immer noch. Während Mutter und Tochter mitsingen und bei entscheidenden Textstellen die Faust in die Luft recken, steht Vater Thieler bedächtig Kaugummi kauend hinter ihnen. Seinen Rautenmusterpulli zieht er nicht aus. Harald Görgens, Kfz-Mechaniker aus Stadthagen bei Hannover, hält das Fähnlein der West-Fans aufrecht. Vor 30 Jahren sei er schon zu Puhdys-Konzerten gegangen. Da kamen gerademal 200 Leute zusammen. Über die Scheidung von seiner ersten Frau hätten ihm die Puhdys hinweggeholfen – mit ihrem passgenauen Titel „Scheidung". Seine zweite Frau ist jetzt auch Puhdys-Fan. Zwei Söhne haben sie. Die hat es auch erwischt.

Auch die Puhdys machen in Familie. Birrs Sohn spielt mit dem Sohn von Drummer Scharfschwerdt und dem Enkel vom Keyboarder Meyer als Schlagzeug-Trio. Da können sich die Väter mal ausruhen und nachdenken, wann sie kommen soll, die Rocker- Rente – von der sie seit 20 Jahren singen.

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