Berlin : Die Masse bewegt sich

Fitness-Studios sind für Millionen Bundesbürger erste Anlaufstelle – in Sachen Körperkult und als Kontaktbörse

Juris Lempfert

Es ist schon merkwürdig. Früher haben die Menschen im Verein gemeinsam Sport getrieben. Dann war plötzlich effizienteres Training „in“. Schwitzen nicht mehr nur noch zum Spaß – sondern für Muskelmasse und Waschbrettbauch. Hunderttausende zwängten sich unter Hantelbänke und stemmten Gewichte. Und jetzt? Sehnen sich die Sportler wieder nach Gemeinschaft. Repräsentative Befragungen kommen zu dem Ergebnis, dass für Fitnessstudio-Besucher der Kontakt zu den anderen Trainierenden an erster Stelle steht. Erst dann folgt die Gesundheit.

In die Vereine geht trotzdem kaum einer der fünf Millionen Deutschen zurück, die heute regelmäßig einen Sportler-Treff besuchen. Denn die Studios haben reagiert. Café-Ecken, gemeinsame Ausflüge, Feste und Partys gehören inzwischen fast überall zum Programm nach dem Programm. „Wir wurden mehrfach gebeten, auch an Heiligabend zu öffnen“, sagt Janina Winkler vom Treptower Studio „Sport im Park“. Vielen gehe es bei solchen Wünschen nicht nur um Sport, sondern vor allem um die Geselligkeit, bestätigt auch sie. Nach Weihnachten und Silvester seien die Studios jedoch weniger aus Mangel an Kontakten als aus „schlechtem Gewissen“ regelmäßig voll, so Janina Winkler: „Das viele Essen und Nichtstun treibt die Leute förmlich hierher.“ Je nach Typ kann man seinem Winterspeck auf unterschiedliche Art zu Leibe rücken: mit Ausdauer, mit Kraft oder sogar mit Ruhe.

Für Ausdauernde:

Laufbänder, Fahrräder oder Stepper sind sehr gute Fettverbrenner, die beim Training den Körper schonen. „Für Ausdauertraining braucht man allerdings Zeit“, sagt Bernhard Lacroix, der seit über einer Stunde auf dem Laufband joggt. Der 46-Jährige trainiert seit 20 Jahren in Fitnessstudios. Anschluss sucht er nicht. Er sei aber froh, dass sich die Sportstätten von „Anstalten für muskelbepackte Menschen mit unterdrückter Persönlichkeit zu freundlichen Sportlertreffs“ gewandelt hätten. Über seine Pulsfrequenz regelt Lacroix seine Trainingsziele. Hoher Pulsschlag unterstützt die Kondition, niedriger Pulsschlag verbrennt vor allem Fett.

Für Kräftige:

Leicht bedienbare und ungefährliche Kraftgeräte haben heute weitgehend die tückischen Stahlhanteln von früher abgelöst. Krafttraining wird als Schlankmacher häufig unterschätzt, denn was viele nicht wissen: Es sind vor allem die Muskeln, die Fett verbrennen. Und dank moderner Technik kann man heute ganz genau bestimmen, wo sich am Körper Muskeln aufbauen sollen.

Für Entspannte:

Fast jedes dritte Berliner Fitnessstudio hat heute neben Bauch-Beine-Po- und Aerobic- auch Yoga-Kurse im Programm. Von Rumsitzen und Meditieren allerdings keine Spur. „Auch beim Yoga kann ordentlich Fett verbrannt werden“, sagt Trainer Mario Reich – es stehe aber die Harmonisierung von Körper und Geist im Vordergrund. Die Kursteilnehmer bewegen sich langsam zu ruhiger, orientalischer Musik. „Die Leute haben Angst um ihre Arbeitsplätze und ihre Zukunft und schöpfen neue Kraft und Selbstvertrauen, indem sie sich in den Kursen einen Moment lang auf sich selbst besinnen“, sagt der 45-Jährige, der sich in Indien hat ausbilden lassen. Wer allerdings wirklich vor allem wegen der Kontakte ins Fitnessstudio geht, der ist in diesem Kurs falsch, denn gesprochen wird beim Yoga nicht – höchstens hinterher beim gemeinsamen Saunagang.

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