Berlin : Die Mauer: 109 oder 254 - wie viele starben an der Mauer?

Robert Ide

40 Jahre nach dem Mauerbau ist immer noch nicht geklärt, wie viele Menschen an der Berliner Mauer zu Tode kamen. Während die Berliner Staatsanwaltschaft 109 Todesopfer zählt, kommt die Polizei auf 152 und die Arbeitsgemeinschaft 13. August auf insgesamt 254 Maueropfer. Nach neuesten Forschungen der Gauck-Behörde wurden an der innerdeutschen Grenze allein 42 Armeeangehörige bei der Flucht getötet.

Er hatte sich mehrere feine Anzüge angezogen, seine besten Sachen. Dann seilte er sich ab von der Wohnung in der Bernauer Straße. Vor ihm hatten es schon drei geschafft auf den West-Berliner Bürgersteig, auch seine Frau. Rudolf Urban nahm das Seil in die Hand - und stürzte ab. Es war der 19. August 1961, sechs Tage nach dem Mauerbau. Urban wurde ins Lazarus-Krankenhaus gebracht, er hatte einen Unterschenkeltrümmerbruch und musste operiert werden. Am 17. September 1961 starb er, mit 47 Jahren.

Rudolf Urban ist das erste Maueropfer. Das sagt zumindest die Berliner Arbeitsgemeinschaft 13. August. Sie hat 957 Tote durch das DDR-Grenzregime gezählt, davon allein 254 in Berlin. Doch die Aufzählung wird von staatlichen Stellen angezweifelt. Allein für die Opfer in Berlin gibt es drei weitere Zahlen. So hat die Berliner Staatsanwaltschaft 109 Tote registriert, die Berliner Polizei zählte 152 und die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) 175 Tote. Damit ist 40 Jahre nach dem Mauerbau immer noch unklar, wie viele Opfer die Teilung wirklich gekostet hat. Und es ist umstritten, ob Rudolf Urban der erste Mauertote war. Schließlich starb er im Krankenhaus.

Für die Behörden gilt ein anderer Mann als der erste, der an der Mauer zu Tode kam. Er heißt Günter Litfin und starb am 24. August 1961. Der 24-Jährige wurde von DDR-Transportpolizisten erschossen, als er durch den Humboldthafen auf die andere Seite schwimmen wollte. Auf seinem amtlichen Totenschein ist der "Tod durch fremde Hand" ausgewiesen, als Todesursache wird angegeben: "Hals- und Mundbodendurchschuss, verbunden mit Ertrinken". Ein eindeutiges Verbrechen.

An der Ungewissheit über den ersten Mauertoten in Berlin zeigt sich, wie unterschiedlich die Kriterien zur Zählung der Grenzopfer sind. "Wir haben nur Fälle registriert, bei denen nachweislich ein Gewaltakt verübt wurde", erklärt der Berliner Oberstaatsanwalt Bernhard Jahntz. So wie beim erschossenen Litfin - gegen die Schützen wurde später wegen Totschlags ermittelt. Die von der Staatsanwaltschaft gezählten 109 Berliner Todesfälle betrachtet Jahntz als abschließende Zahl: "Es ist unwahrscheinlich, dass weitere Verbrechen bekannt werden."

Manfred Kittlaus, ehemals Chef der Ermittlungsstelle ZERV, ist sich da nicht sicher. "Die Zählung ist eine Frage der Definition, deshalb wird es nie eine endgültige Zahl geben." Die ZERV hat alle Verdachtsfälle registriert, die ihr mitgeteilt wurden - einerseits von staatlichen Stellen, andererseits durch die Initiative von Angehörigen. Doch was ist, wenn es keine Angehörigen mehr gibt? Und was, wenn die Todesfälle von Grenztruppen und Stasi erfolgreich vertuscht wurden?

"Im Grunde sind die Zahlen der Arbeitsgemeinschaft 13. August richtig", meint der Historiker Bernd Eisenfeld. Nach diesen Berechnungen gab es allein in Berlin 254 Todesfälle - fast so viele, wie die Staatsanwaltschaft in ganz Deutschland gezählt hat. "Wir erfassen alle, die im Zusammenhang mit dem Grenzregime ums Leben gekommen sind", erklärt Rainer Hildebrand von der Arbeitsgemeinschaft.

Eisenfeld, der in der Gauck-Behörde forscht und am morgigen Montag ein Buch über die Fluchtbewegung vorstellen wird, stimmt dieser Prognose zu. Er hat bei Recherchen in Stasi-Akten der Hauptabteilung I herausgefunden, dass mindestens 42 Armeeangehörige der NVA an der Grenze starben - die Arbeitsgemeinschaft hatte in diesem Bereich weniger registriert.

Andere Forscher betrachten die Zahlen der Arbeitsgemeinschaft 13. August dagegen als zu hoch gegriffen. "Das ist eine sehr weite Interpretation", sagt Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. "Wir müssen mit den Zahlenunterschieden leben", sagt dagegen Gabriele Camphausen vom Dokumentationszentrum Bernauer Straße. Sie beklagt, dass bei der Diskussion oft die Hauptsache in Vergessenheit gerät: "Jeder Einzelne, der umgekommen ist, war einer zuviel."

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