Berlin : Die Mauer für Einsteiger

An fünf zentralen Orten soll künftig an die deutsche Teilung und das DDR-Grenzregime erinnert werden

Lars von Törne

Es ist die wohl meistgestellte Frage auswärtiger Berlin-Besucher: „Wo stand die Mauer?“ Ab dem kommenden Jahr soll es darauf eine umfassende Antwort geben, die das Erinnerungs-Stückwerk der Stadt erstmals als Einheit präsentiert. Das sieht das jetzt fertig gestellte Gedenkstättenkonzept vor, das Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei/PDS) gemeinsam mit Historikern, Vertretern von Gedenkstätten und anderen Fachleuten erarbeitet hat. Diese Woche will Flierl es den Kulturexperten der Fraktionen von Bundestag und Abgeordnetenhaus vorstellen. Ende Mai soll das Konzept vom Senat verabschiedet werden.

An fünf zentralen Gedenkorten soll das Thema Mauer mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten beschrieben werden: Brandenburger Tor, Bernauer Straße, Checkpoint Charlie, East Side Gallery und Niederkirchner Straße. Die hier stehenden Reste von Mauer und DDR-Grenzregime sollen besser präsentiert und miteinander verbunden werden.

Durch einheitliche Hinweise, mehrsprachige Auskunftstafeln und interaktive Informationsangebote sollen sie Berlinern und Besuchern den Zugang zur Geschichte der Mauer und der deutschen Teilung erleichtern und die Grenze erlebbar machen, wie Rainer E. Klemke sagt, Leiter der Arbeitsgruppe zum Mauergedenkkonzept in der Kulturverwaltung.

Als erster Einstieg dient das Brandenburger Tor, der nationale Ort der Erinnerung an die Mauer. „Zeitgeschichtliches Portal“, wie es Klemke nennt, wird der dortige U-Bahnhof sein, der im Sommer 2007 eröffnet werden soll. Im Fußgängertunnel soll es einen kioskartigen Raum geben, in dem Bilder, Bücher und Computer über die Mauer und ihre Bedeutung für die deutsche Geschichte informieren. An den Wänden des U-Bahnhofs sollen Bilder, Zitate und Erläuterungen zum Thema zu sehen sein, dazu Hinweise auf die Verkehrsverbindungen zu anderen historisch bedeutenden Orten wie Friedrichstraße, dem ehemaligen Wachturm gegenüber vom Hamburger Bahnhof oder die Bernauer Straße.

Hier, an der Bernauer Straße, soll ab kommendem Jahr der zentrale Gedenkort für die Berliner Aspekte der Mauergeschichte ausgebaut werden. Das Areal der Gedenkstätte soll künftig direkt am S-Bahnhof-Ausgang Gartenstraße beginnen. Von hier aus soll ein mit Informationsstelen bestückter Fußweg entlang des alten Mauerstreifens an der 1999 eröffneten Gedenkstätte vorbei bis hoch zur Brunnenstraße und eines Tages vielleicht gar bis zum Mauerpark führen, sagt Klemke.

Wann das bislang von 2007/2008 bis 2011 geplante Bauvorhaben verwirklicht wird, hänge nun vom Bund ab. Dem gehören mehrere Grundstücke entlang der Strecke. Nun muss geklärt werden, ob man wegen des vom Bundestag beschlossenen Ziels der Gedenkstätte vom geplanten Verkauf der Flächen absieht. Für die Privatgrundstücke auf dem Mauergelände habe man größtenteils Vergleiche mit den Eigentümern erzielt oder eine Bebauung vereinbart, die der Gedenkstätte nicht im Wege steht, sagt Klemke.

Die internationale Dimension der Mauer als Ergebnis von Kaltem Krieg und Blockkonfrontation soll bereits ab diesem Juni am Checkpoint Charlie behandelt werden. Entlang der brachliegenden Baugrundstücke rechts und links des früheren Grenzübergangs sollen ab Beginn der Fußball-WM Galeriewände mit Fotos und Erklärungen von der Geschichte des Ortes erzählen und auf andere Mauerorte in der Stadt verweisen. Diese Schauwände werden derzeit in der Kulturverwaltung fertiggestellt.

Das vierte zentrale Thema ist der künstlerische Umgang mit der Mauer nach 1989. Dafür werden die East Side Gallery an der Mühlenstraße in Friedrichshain sowie die von Ben Wargin bearbeiteten Mauerstücke neben und in der Bundestagsbibliothek gegenüber vom Reichstag in Flierls Konzept integriert. Hier soll auch ein Exemplar des Totenbuchs ausliegen, das in Kurzform die Geschichten aller deutschen Mauertoten versammelt. Ein weiteres Totenbuch mit den Berliner Opfern gibt es bereits in der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße; dort wird seit vergangenem Jahr dienstags bis freitags um 12 Uhr je eine Geschichte vorgestellt.

Der fünfte Eckpunkt ist die Niederkirchnerstraße, wo ein Mauerrest direkt an das Gelände der Topographie des Terrors grenzt, die an die NS-Diktatur erinnert. Hier sollen künftig mit Hilfe von interaktiven Computerterminals „die unterschiedlichen Schichten der Geschichte“ vermittelt werden, wie Klemke sagt, also der historische Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus, Krieg und deutscher Teilung.

Die Kosten des Mauerkonzepts beziffert die Kulturverwaltung auf 25 Millionen Euro, verteilt auf Bund und Land. Ergänzt wird es durch eine neue Internetpräsentation zur Mauer. Ab Anfang April sollen unter der Adresse www.berlin.de Informationen so aufbereitet sein, dass man sich individuelle Mauerrouten zusammenstellen kann. Ab 2007 ist geplant, in Kooperation mit einem Privatunternehmen Audioguides anzubieten – mobile Abspielgeräte mit Kopfhörern, mit denen man auf selbst gewählte Erkundungstouren gehen kann, die man sich zuvor im Internet heruntergeladen hat.

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