Berlin : Die Mauer in den Köpfen

Brandenburger Tor, Potsdamer Platz – und dann? Wo verlief die Grenze? Eine Stiftung und der Tagesspiegel testeten das Wissen von Passanten

Matthias Jekosch

Die Aufgabe ist nicht leicht. Eine Berlinkarte ohne Bezirksgrenzen hängt an der Magnetwand. Hier sollen Passanten den Verlauf der Berliner Mauer nachzeichnen. Eine Holländerin ummauert kurzerhand den Tiergarten. „Na ja, wir machen nachher eine Mauertour. Danach klappt es bestimmt besser“, sagt sie schulterzuckend, als sie den wirklichen Verlauf anhand einer vorgefertigten Schablone gezeigt bekommt. Ineke Cornello kommt ebenfalls aus den Niederlanden. Schwungvoll führt sie den blauen Edding. Nach ihrer fast schon abstrakten Zeichnung verlief die Mauer durch die Kreuzung Friedrich- und Torstraße. Knapp daneben. Den Potsdamer Platz lässt sie dagegen links liegen.

Am 13. August 1961, vor 45 Jahren also, wurde die Mauer gebaut, die fast 30 Jahre die innerdeutsche Grenze markierte. Anlass für die „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ und für den Tagesspiegel, nachzufragen, was noch bekannt ist über den Verlauf der Mauer. Erste Station: Alexanderplatz. Craig Beedie aus England schlägt sich recht tapfer, obwohl er das erste Mal in Berlin ist. „Als die Mauer gebaut wurde, war ich in der Schule. Das war schon ein großes Thema und wir waren alle sehr aufmerksam, was das angeht“, erklärt er sein glückliches Händchen. Radek Zoltarski aus Polen dagegen ist, was die Mauer angeht, nicht so bewandert. Er fackelt nicht lange und zieht eine vertikale Linie vom Prenzlauer Berg bis zum Columbiadamm. „Normalerweise sind Mauern doch gerade gebaut“, kommentiert er sein Werk.

Doch die Berliner Mauer war nicht normal und gerade war sie schon gar nicht. Sie orientierte sich an den damaligen Bezirksgrenzen. Vor allem die merkwürdige „Beule“, mit der Mitte im Norden in den Wedding überging, bereitet den Passanten Probleme beim Zeichnen. Der Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor und der Checkpoint Charlie fanden sich dagegen in fast allen Zeichnungen wieder. „Den Grundzug kriegen die allermeisten hin“, zieht Dieter Wolf Fenner, Sprecher der Stiftung, ein Fazit, nachdem das vierköpfige Team auch am Leipziger Platz und am Joachimstaler Platz Station gemacht hatte. Insgesamt kamen 28 Mauerentwürfe zusammen.

Dr. Sabine Roß vom Arbeitsbereich „Gesellschaftliche Aufarbeitung“ der Stiftung hatte zuvor noch gezweifelt und meinte: „Das schafft keiner.“ Doch mit ein wenig Orientierungshilfe kamen auch die zahlreichen Touristen aus Äthiopien, Hongkong, Australien und anderen Ländern meist recht nahe an den tatsächlichen Mauerverlauf heran. Rikscha-Fahrer Helmut Millan aus Berlin war besonders gut. Kein Wunder, er bietet selbst Mauertouren durch Berlin an, die „sehr gut angenommen“ werden, wie er sagt. Auch am Leipziger Platz und am Joachimstaler Platz bildeten sich schnell Menschentrauben . „Wir haben das Gefühl, dass das Interesse an DDR-Geschichte explosionsartig zunimmt“, sagt Sabine Roß. Das gilt allerdings vor allem für Ostdeutschland. Die alten Bundesländer haben die Geschichte der Mauer noch nicht als die ihre angenommen. „Deswegen wollen wir auch mehr in die alten Bundesländer gehen.“

Stefan Jungclaus kommt aus dem Westen, aus Stade in Niedersachsen. Der 26-Jährige findet, dass die Mauer zu Berlin gehört und sie immer noch präsent ist: „Wir haben viele Teile gesehen, ohne sie gesucht zu haben.“ Präsent scheint die Mauer auch noch in vielen Köpfen. Es gibt Menschen, die, als sie den Stand erblicken, leise ihre Meinung sagen. Die lautet: „Die SED war doch toll“ oder: „Damals war alles besser.“

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