Die Mauer in der DDR : Die verbotenen Fotos der Mauer in Ost-Berlin

Fotografieren konnte man sie schon gar nicht, diese Mauer, dieses Schweigen. Manche haben es trotzdem geschafft. Das zeigt eine neue Ausstellung. Am Dienstag findet die Vernissage statt.

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Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach dem Mauerfall. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie selbst Fotos der Berliner Mauer aus dem Osten der Stadt heraus gemacht? Senden Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de.Alle Bilder anzeigen
Foto: Detlef Peuker
06.05.2014 13:59Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach...

Als Kind habe ich die Mauer jeden Tag gesehen. Bei einer S-Bahn-Fahrt durch Prenzlauer Berg, beim Kirschenpflücken im Kleingarten meiner Eltern in Pankow, der direkt an der Grenze zweier Welten lag und deshalb oft von Hubschraubern überflogen wurde, bei einem Eis oben im Fernsehturm sowieso. Aber ein Foto habe ich nicht von ihr. Als braver, frecher Schüler der Deutschen Demokratischen Republik habe ich zwar einmal die Mauer fotografiert. Damals, es muss Mitte der 80er Jahre gewesen sein, brachte man die Filme noch in einen Fotoladen. Als ich meine Bilder eine Woche später abholte, waren alle entwickelt - außer jene von der Mauer am Kleingarten. Die Negative hatte auch jemand aussortiert. Ich habe diesen Jemand niemals kennen gelernt. Aber ich habe seine Botschaft schon als ziemlich kleiner Junge verstanden; sie ging - glaube ich - so: Es gibt Dinge, die es nicht gibt, weil es sie gibt. Und weil es sie nicht gibt, obwohl jeder weiß, dass es sie gibt, kann man sie nicht sehen, obwohl jeder sie sieht. Fotografieren kann man sie schon gar nicht, diese Dinge, diese Mauer, dieses Schweigen.

Die Mauer vom Osten betrachtet
Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach dem Mauerfall. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie selbst Fotos der Berliner Mauer aus dem Osten der Stadt heraus gemacht? Senden Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de.Alle Bilder anzeigen
1 von 4Foto: Detlef Peuker
06.05.2014 13:59Gitterzaun und Panzersperren. Und hinter der Mauer ein BVG-Bus. Aufnahmen wie diese faszinieren immer wieder, auch 25 Jahre nach...

Manche haben es trotzdem geschafft. Aber das weiß man erst heute, 25 Jahre nach dem Ende dieser halben Welt DDR. Und man sieht es erst ab Dienstag, in einer Ausstellung von Bildern, die es eigentlich nicht gab. Und die es doch - oder deshalb - wirklich gab: Bilder von der Mauer aus Richtung Osten.

Die Grenze, die einst Berlin durchschnitt und heute fast kaum noch im Stadtbild zu entdecken ist, ist im Gedächtnis der Geschichte bunt bemalt wie die East Side Gallery. Doch dieser Blick zurück ist - wie so viele andere Blicke auf die Teilung - eher westdeutsch geprägt. Vom Osten aus sah die Mauer steingrau aus, bedrohlich kalt in ihrer Länge und ihrer für Flüchtende nicht abschätzbaren Breite - und nicht nur in Gedanken weit weg. Denn nah heran kam man an den nur von der Partei- und Staatsführung so genannten Antifaschistischen Schutzwall sowieso nicht. Erst recht nicht mit einem Fotoapparat; dies war - wie jede andere Annäherung - bei Strafe verboten.

So sah der Mauerstreifen aus
Heiligabend 1989 an der Potsdamer Chaussee in Gatow. Unser Leser Klaus Klischat querte dort mit seiner Familie die Grenze in Richtung Engelsfelde/Seeburg auf der Ostseite. Als die West-Berliner nach einer Fahrradtour später am Grenzkontrollpunkt Heerstraße unter Vorlage ihrer Ausweise und Tagesvisa wieder zurück wollten, gab es Probleme: "Das hatte bei den DDR-Beamten für große Ratlosigkeit gesorgt, und wir mussten lange warten, ehe man uns durch ließ", schreibt Klischat.Weitere Bilder anzeigen
1 von 175Foto: Klaus Klischat
13.04.2016 11:05Heiligabend 1989 an der Potsdamer Chaussee in Gatow. Unser Leser Klaus Klischat querte dort mit seiner Familie die Grenze in...

Erstaunlich ist es daher, dass die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße tatsächlich genügend Privatfotos der Mauer von Ost-Berliner Seite auftun konnte, die nun ausgestellt werden und die der Tagesspiegel erstmals präsentiert. Es sind oft nicht die schärfsten Aufnahmen, denn der scharfe Blick galt beim Fotografieren eher den möglichen Beobachtern denn dem eigentlich Objekt, an dem laut Grenzgesetz von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden sollte. Entstanden aus zufälligen oder hastig herbeigeführten Momenten dokumentieren sie erstmals den alltäglichen Stillstand mitten in der Stadt.

So sieht man in den heimlichen Bildern des Jugendlichen Detlef Peuker, der die Bernauer Straße in Richtung Westen fotografierte, um Ende der 60er Jahre seine Flucht vorzubereiten, wie nah der Westen hinter dem Betonriss eigentlich noch war - seine Häuser mit den geöffneten Fenstern, seine Straßen mit den vorbeifahrenden Bussen. Erst der Blick von Christiane Bartels, die um die Ecke wohnte, aus ihrem Schlafzimmerfenster heraus offenbarte die Weitläufigkeit der Grenzanlagen, die Menschen davon abhalten sollten, ihr Glück woanders zu suchen. Und sei es in der anderen Hälfte der gleichen Stadt.

Manche haben es trotzdem geschafft.

Die Ausstellung "Ost-Sicht - Verbotene Blicke" ist ab Mittwoch in der Gedenkstätte Berliner Mauer zu sehen; Bernauer Straße 119. Zur Vernissage diskutieren hier am Dienstag ab 19 Uhr der Autor Robert Ide und Zeitzeugen, darunter Detlef Peuker. Es moderiert Gerd Appenzeller vom Tagesspiegel. Der Eintritt ist frei.

Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie selbst Fotos der Berliner Mauer aus dem Osten der Stadt heraus gemacht? Senden Sie uns Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de.

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