"Die Mauer steht noch 50 und auch 100 Jahre" : Der große Irrtum von Erich Honecker

Am 19. Januar 1989, genau vor 25 Jahren, sagte Erich Honecker: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“ Es kam bekanntlich anders. Eine Erinnerung an ganz spezielle Tage.

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Erich Honecker war der mächtigste Politiker der DDR. Er starb 1994.
Erich Honecker war der mächtigste Politiker der DDR. Er starb 1994.

Ich kannte die Mauer ganz aus der Nähe. Wenn der schwenkbare Omnibus der Linie 55, genannt „Schlenki“, meine Eltern und mich, einen Jungen aus Pankow, in den Kleingarten der Familie nach Rosenthal fuhr, ganz oben in den Norden vom Osten Berlins, dann machte eine der Straßen, die sicherlich irgendwann einmal geradeaus geführt hatte, plötzlich eine große weite Biege an einer Betonwand entlang; einem weißen Steinriss, hinter dem ein eckiger Wachturm emporragte. Aus dem heraus wurde unser 55er Bus mit Ferngläsern beobachtet, ein quadratischer Blumenkübel aus Beton stand da auch noch rum, der diesen Arbeitsplatz offenbar verschönern sollte – und natürlich, das wusste man aber nicht aus dem Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule, sondern aus halb gesagten Sätzen im Schlenki-Bus, natürlich sollte es weit hinter dem Streifen noch eine weitere Mauer geben, die unser Leben vollständig umschloss. Ein Leben, von dem man Anfang 1989 noch dachte, es würde niemals nie zu Ende gehen. Hinterm Horizont geht’s weiter, sang Udo Lindenberg damals aus dem „Stern“-Kofferradio, das in unserem Kleingarten am Kirschbaum hing.

So sah der Mauerstreifen aus
Heiligabend 1989 an der Potsdamer Chaussee in Gatow. Unser Leser Klaus Klischat querte dort mit seiner Familie die Grenze in Richtung Engelsfelde/Seeburg auf der Ostseite. Als die West-Berliner nach einer Fahrradtour später am Grenzkontrollpunkt Heerstraße unter Vorlage ihrer Ausweise und Tagesvisa wieder zurück wollten, gab es Probleme: "Das hatte bei den DDR-Beamten für große Ratlosigkeit gesorgt, und wir mussten lange warten, ehe man uns durch ließ", schreibt Klischat.Weitere Bilder anzeigen
1 von 175Foto: Klaus Klischat
13.04.2016 11:05Heiligabend 1989 an der Potsdamer Chaussee in Gatow. Unser Leser Klaus Klischat querte dort mit seiner Familie die Grenze in...

Doch der Horizont oben in Rosenthal endete an den Hochhäusern des Märkischen Viertels, im Norden vom Westen Berlins, und natürlich an der Staatsgrenze der DDR, die man dazwischengemauert hatte. Menschen machten dort drüben Fenster auf und sahen uns beim Grillen zu. Man hörte auch Kindergeschrei aus einem Schwimmbad, das auf keinem Stadtplan, den ich kannte, verzeichnet war. Einen Schuss hörten wir nie, manchmal aber patrouillierten Hubschrauber.

Den Westen von Berlin kannte ich vom Fernsehturm

Das andere Leben war so nah entfernt, dass man es nur von Weitem in Gänze übersehen konnte. Den Westen kannte ich aus dem Fernsehen und vom Fernsehturm am Alex. Der Blick schweifte in die Ferne, hinaus über Ost-Berlin, der großen Hauptstadt eines kleinen halben Landes. Dass auch der Westen begrenzt war, merkte ich erst in einem Später, an das ich früher nicht geglaubt hatte.

Mauerinstallation zum 25 Jahrestag der Öffnung
Am 9. November 2014 soll eine Lichtinstallation an den Fall der Mauer erinnern.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: www.christopherbauder.com
01.01.2014 14:05Am 9. November 2014 soll eine Lichtinstallation an den Fall der Mauer erinnern.

Auch das Leben unserer Irgendwann-mal-Brüder und -Schwestern schloss dieser „antifaschistische Schutzwall“ ein, unser Blumenkübelstreifen der geteilten Bürgersteige. Jenes Stück Leben neben/ohne/unter uns war in meinem Schulatlas nur als grauer Fleck mit der Abkürzung „WB“ markiert. Westberlin (ohne Bindestrich, um es nicht als Teil einer Stadt anzuerkennen) war jener dunkle Ort, wie ich an diesem Freitagmorgen im Januar abschätzig in der „Berliner Zeitung“ meiner Eltern lesen konnte, in dem Antifaschisten brutal niedergeknüppelt wurden (sie demonstrierten vor dem ICC gegen einen Parteitag der rechten „Republikaner“). Brutaler aber war – für mich und meine Familie, eigentlich für alle unserseits – die Meldung, die direkt daneben in der Zeitung stand.

Wie immer war die eigentliche Nachricht nicht in der Überschrift platziert („Thomas-Müntzer-Komitee der DDR tagte in Berlin“), sondern erst in Zeile 122 versteckt. Da wurde mein langsam tatterig werdendes Staats- und Parteioberhaupt Erich Honecker mit einem Satz zitiert, den er auf dieser Konferenz holterdiepolter über die Staatsgrenze fallen ließ – jene weiße Linie, die eigentlich eine rote Linie war, über die man gar nicht sprach. Und er nannte sie auch noch Mauer. Am 19. Januar 1989 also, genau heute vor 25 Jahren, sagte Erich in Richtung Westen, aber eigentlich in unsere Richtung: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“ Das Wenn hätte er sich natürlich sparen können, denn die Botschaft war klar wie Ost-Berliner Trabbi-Luft. 100 Jahre. Mauer. Ausweglos, unendlich, betonhart. So wirkte das selbst für mich als junger Junge. Vielleicht auch, weil alle schockgestarrt über diesen einen Satz redeten an den Straßenecken.

Tagesspiegel, 20. Januar 1989

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