Berlin : Die menschliche Jukebox

Shakira, bitte: Immer öfter wird DJs von Clubbesitzern vorgeschrieben, was sie zu spielen haben

Nana Heymann

Auf diesen Abend im Bangaluu Club in Mitte hatte sich House-DJ Kiki gut vorbereitet, das gehört zu seinem Job, das erwarten die Partymacher, die ihn für ihre Veranstaltungen buchen. Er machte sich Gedanken darüber, wie er die Gäste am besten zum Tanzen bringen könnte, packte entsprechend seine Plattentasche, stellte sich im Club guter Dinge hinter das Mischpult – und kam doch nicht dazu, seine Fähigkeiten voll und ganz zu zeigen. Warum? Weil die Clubbesitzer befanden, er würde den Laden mit seiner Titelauswahl leer spielen. Und ihn deshalb kurzerhand von der DJ-Kanzel runterholten, um gleich darauf ihrem eigenen Mann die musikalische Ausgestaltung des Abends zu überlassen.

Ein „Skandal“, wie Partymacher Bob Young findet. Er hatte an jenem Abend das Bangaluu gemietet, gastierte dort mit seiner Veranstaltungsreihe GMF und war also auch für das musikalische Programm verantwortlich. Die Entscheidung, über seinen Kopf hinweg den von ihm gebuchten DJ abzusetzen, für den er eigens mit Flyern geworben hatte, ist für ihn inakzeptabel. „Ich bin seit 17 Jahren Veranstalter, so was ist mir noch nie passiert“, sagt Young und sieht die künstlerische Freiheit von DJs in Gefahr.

Vielleicht nicht ohne Grund. Denn immer mehr Plattenaufleger kritisieren, Partymacher würden ihnen die Musik vorschreiben; zuletzt echauffierte sich House-DJ Divinity bei einem Abend im 90 Grad in Schöneberg über die Bevormundung durch die Chefs. Etliche Kollegen pflichten ihm nun bei: Gerade in kommerziell ausgerichteten Läden sei man oft nicht mehr als ein „Musiksklave“, der die Wünsche des Auftraggebers zu bedienen habe, sagt ein DJ, der namentlich nicht genannt werden will. „Je mainstreamiger das Publikum, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einem reingeredet wird.“ Von Individualität oder gar Bereitschaft, musikalisch Neues auszuprobieren, könne keine Rede mehr sein. Der DJ hat zu spielen, was Clubbesitzern und Publikum gefällt. Und das sind meist die Hits aus dem Radio. Der DJ als Jukebox.

„Ein DJ bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Innovation und Unterhaltung“, sagt Olaf Kretschmar, Sprecher der Club Commission, einer Art Dachverband der Berliner Clubbetreiber. Er glaubt, dass gute Absprachen zwischen Veranstaltern und Plattenauflegern die Grundvoraussetzung für eine gelungene Party sind. Wichtig sei auch, „dass am Abend vor Ort Kommunikation stattfindet, aber nicht im Sinne einer Anweisung“. Sonst sei „die großartige Berliner DJ-Kultur in Gefahr“, deren Protagonisten unter solchen Bedingungen lieber woanders auflegen würden. Dennoch bestätigt Kretschmar, dass der Dienstleistungsaspekt in den vergangenen Jahren stärker zum Tragen gekommen ist. „Weil sich die Berliner Partylandschaft von einem Anbieter- hin zu einem Nachfragemarkt entwickelt hat.“ Sprich: Clubbetreiber passen ihr Programm dem Geschmack des Publikums an.

Den Vorwurf der Format-Unterhaltung weisen jene Partymacher weit von sich, die sich einer anspruchsvollen urbanen Clubkultur verpflichtet fühlen. „Ich buche nur Leute, von denen ich weiß, was ich zu erwarten habe“, sagt Metro, einer der Betreiber des Watergate in Kreuzberg und selbst bekannter Plattenmixer. Einem DJ ins Set reinzureden, kommt für ihn nicht in Frage. „Das ist ein ,no go‘.“

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