Berlin : Die mexikanische Variante des Son: ay, ay, ay!

Roman Rhode

Nach "Buena Vista Social Club" muss man heute wohl niemandem mehr erklären, was es mit dem kubanischen Son auf sich hat. Die mexikanische Variante des Son (deutsch: "Klang") dagegen unterscheidet sich deutlich von ihrem Verwandten auf der Zuckerinsel. Wer die letzte Konzertwoche der diesjährigen Heimatklänge am Ostbahnhof besucht, wird deshalb vielleicht eines vermissen: die Würze des afrikanischen Substrats. Denn anders als auf den Antillen hat sich die traditionelle Musik in Mexiko ähnlich stark an die Vorgaben der spanischen Metropole assimiliert wie einst die Aztekenfürstin Malinche an ihren Gebieter Hernßn Cortés. Im Tempodrom sind drei Vertreter des Son de México zu sehen, die stilistisch so verschieden voneinander sind wie die Täler, aus denen sie stammen. Gemeinsam aber ist ihnen die Verbindung zwischen melodiös-melancholischer Lyrik und Tanz. Der beschränkt sich allerdings - im Gegensatz zur unverhohlen körperlichen Balz in Kuba - auf das Schuhplattlern des Mannes, zu dem die Frau, in züchtigem Abstand, ihren weiten weißen Rock lüftet und damit ihre stille Grazie zum Ausdruck bringt. Die Musik ergibt sich der Schwermut und dem ay, ay, ay! ihrer perkussiven Gitarren, angereichert mit Violine oder - im Fall der Negra Graciana - einer volkstümlichen Harfe. Graciana, bereits im Rentenalter, kommt aus Veracruz, und so spürt man hier die geografische Nähe zum kubanischen Son: etwa in ihrer Interpretation des Evergreens "La Bamba". Doch all das wirkt letztlich wie der Minimalismus gefügiger Mestizen, bei dem selbst die gigantischen Karnevalsfiguren in hintergründiger Starre gefangen bleiben. Die gleichmütige Mimik der Tänzer, die nur von den Waden abwärts agieren, vermag ebenso wenig wie die im Falsett vorgetragenen Verszeilen, das Publikum unter dem Vulkan hervorzulocken. So mitreißend wie für Mexikaner würde das Ganze nur mit ein paar Flaschen Tequila.Noch heute und morgen ab 21.30 Uhr, Sonntag 16 Uhr.

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