Berlin : Die Mitte – ein Loch

Wer Unter den Linden flaniert, stolpert von Grube zu Bauzaun. Und zur WM fällt dann noch der Palast

Lothar Heinke

„Ein Glück, dass das Ding überhaupt noch steht“, staunt der Tourist. Das „Ding“ ist das nationale Heiligtum, und wer sich dem Brandenburger Tor vom Westen aus nähert, stolpert erst in eine Baugrube, um dann zwischen aufgerissenen Asphaltbrocken und hupenden Autos den Pariser Platz zu erspurten. Der wirkt wie eine Insel, aber nur für einen Moment, denn jetzt dröhnt plötzlich das Hohelied der Arbeit durch die flirrend heiße Sommerluft: Zwischen Adlon und Europahaus ist die „Underground Railwaystation Brandenburger Tor under Construction“, Baggermeißel zertrümmern hartes Gestein, das ins gurgelnde Grundwasser platscht, Kräne rotieren neben Betonsilos. Hier ist richtig was los.

In einem Jahr, zur Fußball-Weltmeisterschaft, soll der Haltepunkt für die umstrittene Mini-U-Bahn fertig sein. Und danach wird dieser verkehrstechnische Appendix bis zum Alex fortgeführt. Doch auch heute schon bietet die viel besungene Prachtavenue Unter den Linden stellenweise ein bizarres Bild: Märkische Sandgruben landen auf Lastwagen und stauben die Umwelt ein. Häuserfassaden verstecken sich hinter Planen, Baggerketten wühlen im Erdreich – dies ist eine Zeit zwischen Zumutung und Aufbruch, zwischen Ärgernis und Freude, dass etwas geschieht, was Berlin irgendwann einmal gut zu Gesicht stehen könnte.

Kaum wendet man beim Baustellen-Spaziergang der U-55-Station den Rücken zu, tut sich das erste Hindernis auf: Vor der Russischen Botschaft ist, ohne ersichtlichen Grund, der Mittelstreifen der Linden durch ein Gitter abgesperrt. Man zwängt sich hindurch oder macht einen Umweg über die Straße, aber warum? Später, auf dem zu einem Viertel abgetrennten Bebelplatz, kann der Passant dies erneut erleben: Sinnlos aufgestellte, hässliche Gitter, die niemanden zu interessieren scheinen – am wenigsten wohl die Herrschaften vom Bezirksamt Mitte oder von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Man könnte ihnen empfehlen, sich öfter zu Fuß oder mit dem Fahrrad, nur nicht im Fond eines Dienstwagens, an Ort und Stelle sehen zu lassen. Dann würden sie vielleicht etwas tun gegen gedankenlose Vergehen wider Schönheit und Glanz einer Touristenmeile.

Während die U-Bahn-Bauer den Samstag heiligen, sind die Männer, die aus der ehemaligen Britischen Botschaft neben dem ZDF-Gebäude ein Wohn- und Geschäftshaus machen, auch sonnabends zu Gange. Mit einem Autokran hieven sie eine stählerne Treppe himmelwärts. Und wer zweifelnd fragt, ob das Haus denn bis zum Fußball-Fest 2006 fertig wird, hört ein deutliches „Na klar, det schaffen wir!“ Nicht anders ist es an der größten Linden-Baustelle zwischen Staatsoper und Neuer Wache. Von Friedrich II. bis zum Zeughaus tut sich die Erde auf, fahren die Autos Schmalspur. Braun gebrannte Arbeiter mit hervorschwellenden Bizeps, vollen Bagger-Schaufeln und Schubkarren verstärken den Eindruck, dass die Mitte der Stadt eine einzige Baustelle ist.

Hier sind weder die Gas-, noch die Strom- oder die Telefonleitungsbetriebe am Werk, die kommen bestimmt noch, später, wenn alles zugeschüttet ist. Nein, die Stadtwasser werden in neue Betten gezwängt: 114 Meter lang ist ein Regenwasser- und 441 Meter ein Mischwasserkanal, daneben liegen 256 Meter Tunnelrohrleitung zwischen Universität und Hinter dem Gießhaus. Fertigstellung: Mai 2006. Und auch Fassaden sollen glänzen: Neben der Russischen Botschaft Schinkels Wohnhaus, am Bebelplatz das „Grand Hotel de Rome“, Unter den Linden der „Römische Hof“, ein künftiges Italien-Zentrum und Geschäftshaus, bei dem die Baustellenverkleidung mit lustig gemeinten Übersetzungshilfen beschriftet ist. Motto: bis 2006 Italienisch lernen. „Poleo“ heißt demnach Goldbroiler, „Arrichito“ Graf Koks, „Vino“ Molle, „Espresso“ Schnäpschen und „Signorina“ Schnalle.

Ganz hinten, zum Alex hin, gibt die braune Ruine des Palastes der Republik eine Ahnung von der Dimension einer künftigen Baugrube, gegen die sich alles andere wie Kinderbuddelkastenspielerei ausnimmt. Wäre Abriss nicht die schlechteste aller Lösungen, gähnende Leere ein Zeugnis für Gedankenleere? Die Mitte – ein Loch. Undenkbar. „Wir finden das alles hier schön“, sagt der Chef eines westdeutschen Kegelclubs. „Alle zwei Jahre kommen wir nach Berlin, und immer gibt es so viel Neues. Das muss ja irgendwie auch gebaut werden.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben