Berlin : Die Möwe macht Wind

Ausstellung über die frühen Jahre des Künstlerklubs wird heute eröffnet

Heidemarie Mazuhn

„Möwe - Die frühen Jahre“ heißt die Ausstellung, die heute um 19 Uhr im Foyer des Palais am Festungsgraben eröffnet wird. „Die Möwe“ - so wurde der Berliner Künstlerklub zu seiner Gründung am 15. Juni 1946 nach dem Tschechow-Stück benannt - will künftig wieder kräftiger Wind machen.

1995 musste die Möwe aus ihrem angestammten Domizil in der Luisenstraße 18 ausziehen - am 2. April eröffnet dort die Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Zu Möwe-Zeiten gingen in dem Wohngebäude aus der Schinkelzeit Berlin-Besucher der internationalen Theater- und Filmwelt ein und aus. Yves Montand, Simone de Beauvoir, Marcel Marceau, Gerard Philipe, Simone Signoret, Sophia Loren, Vittorio de Sica – alle waren da.

Der Eröffnungsabend 1946 liest sich wie das „Who is Who“ der damaligen Berliner Theater- und Filmszene: Paul Wegner, Eduard von Winterstein, Gustav von Wangenheim, Ernst Legal, Hans Albers, Rudolf Platte und vor allem Ernst Busch. Der Sänger und Schauspieler war maßgeblich daran beteiligt, dass die sowjetische Militäradministration den Theater- und Filmklub „Die Möwe“ gründete. In die Luisenstraße 18 lockten zunächst vor allem die Sonderrationen der Russen für deutsche Künstler. „Mensch, da habe ich zu fressen gekriegt“, erinnert sich noch heute der hallesche Theaterintendant und Fernsehkommissar Peter Sodann an die Möwe-Fütterung des hungrigen Anfängers im Berliner Ensemble.

Zur Vernissage heute Abend will sich der später in den Westen gegangene DEFA-Regisseur Herbert Ballmann an diese frühen Jahre erinnern, in denen die Möwe nicht nur „eine Annehmlichkeit, sondern eine Notwendigkeit im kulturellen Leben Berlins darstellte“ - so schrieb die „Tägliche Rundschau“ am 16. Juni 1946.

Wer in der Luisenstraße dazugehörte, hatte nicht nur einen vollen Magen, sondern auch Kinoabende, Theateraufführungen, Gespräche und Vorträge sowie eine einzigartige Theaterbibliothek. Möwe-Feiern waren bis zum Mauerbau im Ost- und Westteil gleichermaßen beliebt. Die Gelage, die der berühmte Mime Wolf Kaiser in seiner Zeit als Präsident des Künstlerklubs gab, waren legendär. Auch die des DDR-Gewerkschaftsbosses Harry Tisch, der für seine Feten sein Hausrecht nutzte – die Möwe gehörte nämlich zur Gewerkschaft Kunst. Tischs rote Nase soll maßgeblich in der Möwe ihre kräftige Farbe bekommen haben.

„Ich war fast vierzig Jahr dort zu Hause“, erinnert sich Jaecki Schwarz an seine vergangene alkoholisch-heftige und teure Möwe-Zeit. „Tausende von Mark habe ich dort gelassen“, sagt der Polizeiruf-Fernsehkommissar. Nicht nur zu seinem 40. Geburtstag, den der heutige TV-Professor von „Schwester Stefanie“ einst in der Marmor-und Eichenzimmerpracht feierte. Künftig werden in diesen Räumen sachsen-anhaltinische Kamingespräche gepflegt.

„Möwe - Die frühen Jahre“, Am Festungsgraben 1, vom 9. Februar bis 26. Mai 2003, täglich von 8 bis 22 Uhr. Eintritt frei.

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