Berlin : Die Monster AG

Wissenschaftler halten Halloween für eine Erfindung der Industrie. Aber Partyveranstalter machen das Beste daraus

Judith Jenner

Ausgehöhlte Kürbisse blicken seit Wochen aus Drogeriemarkt-Schaufenstern, Hexen und andere Schauergestalten haben die Herbst-Dekoration aus bunten Blättern ergänzt. Jedes Nachbarschaftsheim feiert plötzlich Halloween. Alles nur ein vorübergehender Hype, oder etabliert sich dieses amerikanische Fest gerade erst richtig in Deutschland?

„Seit etwa drei Jahren rennen uns am 31. Oktober verkleidete Kinder die Bude ein“, sagt Kellnerin Jeannette aus dem Café Atlantic an der Bergmannstraße in Kreuzberg. „Süßes, sonst gibt’s Saures“, heißt die Parole; die deutsche Variante von „Trick or Treat“. Die Cafébesitzer haben vorgesorgt: Für die Kinder liegen Gummibärtütchen hinterm Tresen bereit. „Wenn Halloween auf ein Wochenende fällt, machen wir auch eine Party“, sagt Jeannette. In diesem Jahr zwar ausnahmsweise nicht, aber: Der Halloween-Boom reißt nach Ansicht der Gastronomin nicht ab. Er wird eher stärker.

Das sehen Wissenschaftler anders. Petra Dolata-Kreutzkamp vom John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität sagt, dass es sich beim Halloween-Boom nur um eine Modeerscheinung handele, die besonders den Einzelhandel freut. „Das ist so ähnlich wie beim Valentinstag“, sagt Petra Dolata-Kreutzkamp. „Vor einigen Jahren entdeckte der Blumenhandel plötzlich das Fest der Liebenden.“ Der gewöhnungsbedürftige „Pumkin Pie“, der Kürbiskuchen, sei allerdings noch nicht so verbreitet. Und auch beim Erschrecken sind die Deutschen unkreativ: „Man beschränkt sich nur auf ausgehöhlte Kürbisse und Geisterkostüme“, sagt sie.

Ursprünglich kommt Halloween aus der keltischen Kultur. Von Irland aus fand das Fest seinen Weg in die USA und nach Kanada. Dass es jetzt wieder nach Europa zurückkehrt, ist laut der Historikerin ein Ergebnis der Globalisierung. „Jede US-Fernsehserie sendet jetzt Halloween-Folgen. Die werden auch bei uns geguckt.“ Allerdings sei das Fest in Deutschland gesellschaftlich noch nicht verankert.

Der Katholische Theologe Rainer Kampling hält Halloween für einen erfundenen Feiertag – wenn man überhaupt vom Feiern sprechen könne: „Wenn bettelnde Kinder an der Tür klingeln, ist das feiern?“, fragt er. „Es ist schon interessant, wie es die Industrie in den letzten Jahren geschafft hat, diesen Tag zu etablieren.“

Besser gelaunt gehen die Akteure des Berliner Nachtlebens mit dem neuen Anlass für ausgelassene Kostümfeste um. Der schwule Partyveranstalter Bob Young schwört auf Halloween. Er will das Café Moskau am Sonnabend bei seiner GMF-Party in eine wilde Geisterbahn verwandeln.

Gerade der etwas improvisierte Charakter des deutschen Halloween gefällt Ron alias „Monsterronson“. Der Amerikaner aus Salt Lake City lebt seit sieben Jahren in Berlin und feiert am Montag ab 20 Uhr in seiner Karaokebar „Monster Ronson’s“ an der Lübbener Straße 19 in Kreuzberg eine Halloweenparty mit Kürbisschnitzen und Playback-Gesang. „In den USA kauft man sich sein Kostüm einfach im Supermarkt“, sagt er. „Hier muss man noch selber basteln wie früher als Kind.“ Das erfordere Kreativität. Er selbst wird sich als „Vogelgrippe“ verkleiden. Wie das genau aussieht, verrät er noch nicht.

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