Berlin : Die Motte mit der Harke minimiert

Das Sammeln der Kastanienblätter im Herbst hat sich gelohnt. Wo sie beseitigt wurden, sind die Schädlinge seltener

Christoph Stollowsky

Jede Menge Motten in Kastanienhainen, in denen im Herbst kein Laub gerecht wurde – aber viel weniger Schädlinge in sorgsam gesäuberten Gegenden: Die Anstrengungen beim Laubsammeln Ende vergangenen Jahres haben sich im Kampf gegen die schlimmsten Feinde der Rosskastanien gelohnt.

Wissenschaftler des Berliner Pflanzenschutzamtes entdeckten bei ihren jüngsten Untersuchungen auf laubfreien Arealen bis zu 67 Prozent weniger Miniermotten als auf nicht gereinigten Flächen. Das decke sich mit aktuellen bundesweiten Erfahrungen, bestätigte Schädlingsexperte Professor Alfred Wulf von der Biologischen Bundesanstalt für Landwirtschaft gestern gegenüber dem Tagesspiegel. Und es ist umso bedeutender, weil sich die Motten im diesjährigen warmen Frühjahr bestens entwickeln konnten.

Deshalb bieten etliche Berliner Kastanienalleen schon jetzt ein trauriges Bild. Blätter sind rot-braun und welk – vor allem dort, wo im Herbst viel Laub liegen blieb. Der Vizechef des Berliner Pflanzenschutzamtes, Hartmut Balder, erwartet in diesen Gegenden noch stärkere Schäden als im vergangenen Jahr. „Schon Ende Juli werden etliche Bäume braun aussehen oder gänzlich kahl sein.“ Das Ausmaß der Schäden hänge nun auch von der künftigen Witterung ab. Balder: „Bleibt es trocken und sonnig, fühlt sich die Motte superwohl.“ Nach ersten Schätzungen seines Amtes ist gut die Hälfte der rund 48 000 weißblühenden Kastanien in Berlin von Motten befallen.

Die Bäume werden zur Zeit von der ersten Generation des Schädlings geplagt, der im Verlauf eines Jahres je nach Witterung bis zu viermal neue Nachkommen hervorbringt. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, wollen Berlins zuständige Ämter bereits das erste herabfallende geschädigte Laub sammeln und damit Millionen Puppen der zweiten Generation vernichten. Es wird sich voraussichtlich ab Ende Juli auf den Straßen häufen. Auch die Bürger sollten den Laubrechen frühzeitig im Garten oder vor der Haustüre in die Hand nehmen und die Blätter am besten mit dem Müll entsorgen.

Im Herbst soll dann auf Grund der bisherigen guten Erfahrungen mit dem Laubsammeln eine „herbstliche Rechenaktion in noch größerem Maßstab als im vergangenen Herbst“ anlaufen, heißt es im Pflanzenschutzamt. Dessen Experten haben festgestellt, dass in nur einem Kilogramm Laub etwa 4500 Puppen leben. Schlüpfen die Larven des aus Mazedonien eingeschleppten und auf weiße Kastanien spezialisierten Schädlings, so fressen sie sich durchs Gewebe der Blätter und durchziehen es mit Gängen – deshalb der Name Miniermotte. Befallenes Laub welkt frühzeitig, der Baum treibt eine zweite Notblüte, die ihn zusätzlich schwächt.

Schädlingsbekämpfungsmittel haben bisher kaum Erfolge gebracht, weshalb das Land zurzeit mehrere Forschungsprojekte mit rund 850 000 Euro unterstützt. Da man gesprühte oder in den Boden gegossene Insektizide bei größeren Bäumen kaum einsetzen kann, ohne Umweltschäden anzurichten, suchen die Wissenschaftler nach natürlichen Feinden und liebäugeln mit der Erzwespe. Das Problem: Diese Wespenart frisst auch die Puppen anderer Schmetterlinge.

Außerdem will man den geschwächten Bäumen indirekt helfen und experimentiert mit diversen Stärkungsmitteln, die wie Dünger in den Boden gegossen werden.

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