Berlin : Die Müllflut und der Steuermann Ein Mengendisponent plant die Abfallverteilung

„Das Müllgeschäft ist etwas Lebendiges“ Holger Groth, Mengendisponent

Stefan Jacobs

Der Abfall der Berliner Haushalte ist ein Fluss, der nie versiegt. Mal fließt er gemächlich durch die 364000 Müllbehälter zur Verarbeitung, mal schwillt er an zu einer Flut, die nur der Disponent zu kanalisieren vermag, Holger Groth, der Abfallmengendisponent. Der 56-Jährige sitzt in einem Büro mit einem Bild an der Wand: Ein Mülleimer klagt beim Psychiater auf der Couch: „Ich fühle mich so leer!“ Auf dem Schreibtisch steht ein kleiner, grauer Müllcontainer voller Büroklammern. Auf seinem Computerbildschirm kann Holger Groth anhand der Müllmengenchronik nicht nur Ferienzeiten und Feiertage der letzten fünf Jahre rekonstruieren, sondern auch die Wetterlage.

Nehmen wir das laufende Jahr, sagt Groth und klickt sich durch seine Tabellen. In der 40. Kalenderwoche waren gewaltige 19440 Tonnen Hausmüll abzufahren. In der Woche drauf waren es nur 16205 Tonnen, noch eine Woche später die etwa durchschnittlichen 17800 Tonnen. Also, sagt Groth, die 40. Woche begann mit Montag, dem 3. Oktober. Folglich machten die Müllfahrer alle ihre Touren einen Tag später: am Dienstag die Montagsrunde und so weiter – bis zum (sonst freien) Samstag für die Freitagstour. Die Tonnen standen also einen Tag länger als sonst und waren entsprechend voller. Außerdem hatten die Leute am langen Wochenende Zeit zum Ausmisten, was den Effekt noch verstärkte. Weil in der Folgewoche wieder im normalen Rhythmus gefahren wurde, standen die Tonnen einen Tag weniger – und waren folglich leerer. Erst in der Woche darauf war alles wieder im Takt.

Jetzt das Wetter. Nach einigen weiteren Klicks sieht Groth, von welchen der täglich 250 Touren die Müllwagen wie voll zurückkehrten. Bei Gartenwetter fällt in den Außenbezirken und in Kleingartenanlagen mehr an als bei Regen.

Auf den ersten Blick gehören diese Erkenntnisse in die Rubrik „Studien, die die Welt nicht braucht“. In Wahrheit helfen sie enorm bei der Planung. Denn leider schlucken Müllwagen die Abfälle nicht nur, sondern müssen sie auch irgendwo hinbringen: zum Umladeplatz in die Gradestraße, zur Stabilisierungsanlage nach Reinickendorf oder zur Verbrennung nach Ruhleben. Die Öfen brauchen ständig Nachschub. Aber manchmal weniger als üblich, wenn beispielsweise eine Kessellinie wegen Reparaturen abgeschaltet ist. Dann müssen mehr Fahrer ihren Müll an den anderen Plätzen abladen. Groth plant die Verteilung wochenweise – und kann auf seinem Schirm fast in Echtzeit Soll und Ist vergleichen: Er sieht, welcher Lastwagen mit wie viel Inhalt wo entladen hat. Bei absehbaren Abweichungen ruft Groth im jeweiligen Betriebshof an, um Fahrer umzuleiten – entweder noch heute oder für den Folgetag. Das ist die Rettung, wenn beispielsweise eine Station ausfällt wie im Frühjahr, als in der Gradestraße Feuer ausbrach. Da musste Groth, der schon bei der Ost-Stadtreinigung arbeitete, schnell handeln. Disponent kommt von umdisponieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar