Berlin : Die mutmaßlichen Attentäter kamen aus der Irakischen Botschaft

Vor 25 Jahren planten zwei Diplomaten aus Ost-Berlin einen Anschlag auf kurdische Studenten. Jetzt soll der Fall neu aufgerollt werden

Sabine Beikler

Bundesweit lief die Fahndung nach mutmaßlichen Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), in Bologna verübten Rechtsextremisten ein Sprengstoffattentat mit 76 Toten – und in Berlin vereitelte die Polizei ein Sprengstoffattentat gegen kurdische Studenten. Am 2. August 1980 titelte der Tagesspiegel: „Bombenanschlag in Berlin von der Polizei verhindert. Zwei irakische Diplomaten aus Ost-Berlin nach Verfolgungsjagd festgenommen – Geplanter Anschlag galt Tagung kurdischer Studenten“. Zwei Monate später wurden die Iraker Kahlid J. Jaber und Hay-Ali Mahmoud in den Irak abgeschoben – ohne weitere Strafverfolgung. Jetzt will der PDS-Abgeordnete Giyasettin Sayan die Weiterführung des ruhenden Verfahrens wegen „versuchten Mordes, Herbeiführung einer Explosionsgefahr und unbefugtem Waffenbesitzes“ erwirken. Über seinen Anwalt will Sayan auch den früheren irakischen Diktator Saddam Hussein wegen „versuchter Beihilfe zum Völkermord“ anzeigen.

Sayan arbeitete 1980 im Berliner Vorstand der AKSA, der kurdischen Studentenförderation im Ausland. „Ein Mittäter, der bei uns im Vorstand war, verriet uns von dem geplanten Attentat. Er sollte der Überbringer der Bombe in einem Koffer sein“, sagte Sayan, der mit Marion Böker ein Buch über die Hintergründe des geplanten Anschlags auf kurdische Studenten während ihrer Tagung in der Weddinger Hochstraße geschrieben hat.

Das am Donnerstag vorgestellte Buch mit dem Titel „Saddams tödliche Diplomaten in Berlin“ liest sich wie ein Polit-Krimi. Der Tagesspiegel berichtete damals regelmäßig über den Fall. Die Diplomaten aus Ost-Berlin hatten den Koffer mit „500 Gramm hoch brisantem Sprengstoff“ bereits an den Mittelsmann übergeben, als sie nach einer Verfolgungsjagd festgenommen wurden. Der frühere Staatsschutz-Leiter Manfred Kittlaus sagte damals, es hätte „möglicherweise eine Katastrophe“ gegeben, wäre der Sprengstoff gezündet worden. Gegen die beiden Iraker erging Haftbefehl.

Das geplante Attentat beschäftigte auch die Bundesregierung. „Bonn ersucht den Senat um Abschiebung der irakischen Diplomaten“, schrieb der Tagesspiegel am 16. August 1980. Berlins Regierender Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD) erklärte, persönlich halte er die Einleitung eines Strafverfahrens zwar für sinnvoll. Die „außenpolitischen Faktoren, die eine Abschiebung sinnvoll machen könnten“, seien aber in ihrer Bedeutung nicht zu übersehen. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter und Polizei-Gewerkschafter äußerten scharfe Kritik an einer Abschiebung. Auch das Abgeordnetenhaus debattierte darüber – am 18. September 1980, einen Tag später, nachdem die beiden Iraker abgeschoben worden waren. Seitdem ruht das Verfahren.

In einem Schreiben der Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht, das dem Tagesspiegel vorliegt, wird auf „Fahndungsmaßnahmen gegen die beiden Angeschuldigten“ hingewiesen. „Das nur vorläufig eingestellte Verfahren muss nämlich wieder aufgenommen werden, falls die Angeschuldigten wieder in das Bundesgebiet reisen“. Die Aufenthaltsorte von Mahmoud und Jaber sind offenbar bekannt. Giyasettin Sayan hofft, dass nach internationalem Recht die beiden mutmaßlichen Attentäter jetzt nach Deutschland ausgewiesen werden können.

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