Berlin : Die Nachbarn wissen noch von nichts

In Lankwitz entsteht in aller Stille ein Projekt für psychisch kranke Straftäter

Ingo Bach

In Lankwitz soll Berlins größtes Wohnprojekt für psychisch kranke Straftäter entstehen. Die Umbauarbeiten des Gebäudes an der Leonorenstraße, das 45 Patienten Platz bieten wird, haben bereits begonnen. „Im Spätsommer 2007 können die erste Bewohner hier einziehen“, sagt Rolf Bayerl, ärztlicher Leiter des Krankenhauses des Maßregelvollzuges (KMV) Berlin, dem Tagesspiegel. Das Projekt sei bereits seit geraumer Zeit in enger Abstimmung mit der Senatsgesundheitsverwaltung und dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf vorbereitet worden – in aller Stille. Die Anwohner wurden bisher nicht informiert. „Hätten wir die Öffentlichkeit von Anfang an mit einbezogen, hätten wir das Projekt sofort einstampfen können“, sagt Bayerl. Ein ähnliches Heim, das im Brandenburgischen Velten entstehen sollte, sei am Widerstand der Nachbarn gescheitert. Nun plant Bayerl, in Lankwitz einen Beirat der interessierten Öffentlichkeit einzuberufen.

Tatsächlich lösen solche Wohnheime bei Anwohnern oft Ängste vor. Sie fürchten eine wachsende Kriminalität in der näheren Umgebung, etwa durch Triebtäter. Doch: „Sexualstraftäter und wegen Tötungsdelikten Verurteilte kommen hier nicht unter“, sagt Bayerl. Die künftigen Bewohner müssten mindestens die Haftlockerung haben, unter Begleitung des Personals das Haus verlassen zu dürfen. „Zum Beispiel Schizophrenie-Patienten, die eine Körperverletzung begangen haben.“ Deren Erkrankung könne man therapeutisch gut im Griff behalten.

Nach den Erfahrungen mit kleineren Heimen dieser Art in Berlin mit bis zu 15 Plätzen gebe es keine Erhöhung der Straftaten in der Nachbarschaft. Deshalb könne er auch für Lankwitz eine „hohe relative Garantie“ übernehmen, sagt Bayerl. Außerdem seien die Sicherheitsvorkehrungen hoch: Das Heim werde mit einem drei Meter hohen Zaun umgeben, die Fenster könnten nur aufgeklappt werden und die Insassen würden rund um die Uhr von Pflegepersonal und einem Wachschutz beaufsichtigt.

Diese Form der Betreuung sei in mehrfacher Hinsicht sinnvoll: Die Insassen erlernten wieder soziale Kompetenzen, wie das selbstständige Kochen. Solche Einrichtungen seien nötig, um den Patienten eine Chance auf Reintegration in die Gesellschaft zu bieten. „Damit wollen wir der immer stärker werden Tendenz begegnen, sie auf ewig in geschlossenen Heimen unterzubringen.“ Die Zahl der stationär aufgenommen Straftäter im Maßregelvollzug habe sich seit 1996 auf ständig 500 Insassen verdoppelt, sagt Bayerl. Damit sei die Kapazitätsgrenze der beiden geschlossenen Einrichtungen des KMV in Reinickendorf und Buch bereits überschritten.

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