Berlin : Die Nachtigall hält Hof

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Von Heidemarie Mazuhn

Kaum einer der festlich gekleideten Menschen, die an diesem Mittag das Hotel Steigenberger betreten, kommt mit leeren Händen. Die einen tragen Blumen, andere verschnürte Päckchen. Ein Ehepaar stellt sorgfältig einen Kuchen ab. Verlockend schimmert er durch die Klarsichtfolie, die mit bunten Bändern um den süßen Inhalt gehüllt ist. Ob unter den Präsenten, mit denen der Berliner Renate-Holm-Fanclub seinen Star verwöhnte, neben Käsekuchen auch wieder Aal war, muss offen bleiben. Ganz sicher aber waren Gurken und Leinöl aus dem Spreewald dabei – das ist Tradition, wenn sich die Sängerin mit ihren hiesigen Verehrern trifft.

Die wissen alles über sie: Dass sie als Berliner Kriegskind in den Spreewald evakuiert wurde, in Lübben die Schule besuchte und schon als 14-Jährige mit dem Sopransolo aus Haydns „Jahreszeiten“ begeisterte. Dass sie Sängerin werden wollte, nachdem sie Maria Cebotari als Madame Butterfly hörte. Und – zurück in Berlin – trotzdem erst mal „ordentlich“ zahnärztliche Assistentin lernte und nebenbei Gesang. Bis 1951 – da gewann Renate Holm mit dem „Lied der Nachtigall“ einen Rias–Nachwuchswettbewerb – das war der Start ihrer Karriere. Anfangs als Schlagersängerin, dann als Schauspielerin in Musikfilmen wie „Wo die Lerche singt“. Ihre Operettenkarriere beginnt 1957 an der Wiener Volksoper als Helen im „Walzertraum“; ihr Opernruhm 1960 als Gretchen im „Wildschütz“ an der Wiener Staatsoper, wohin sie Herbert von Karajan holte.

In 23 Rollen, 444 Mal, hat sie als Ensemblemitglied dort auf der Bühne gestanden und wurde zum Liebling der Wiener, die sie 1961 enthusiastisch als Jahrhundert–Adele in der „Fledermaus“ feierten. Nebenher gastierte sie an fast allen führenden Häusern im In- und Ausland, zu Mauerzeiten immer wieder auch in Leipzig, Dresden und Unter den Linden. Dort wäre fast mal die „Entführung aus dem Serail“ geplatzt. Hielt doch an der Arbeiter- und Bauerngrenze eine Volkspolizistin die Diva beinahe davon ab, ihr berühmtes hohes „E“ in der Rolle des „Blondchens“ in der Staatsoper zu singen – hinter dem Notenmaterial argwöhnte die Grenzschützerin verschlüsseltes Agentenpapier.

Aber nicht nur auf der Bühne, auch auf 80 Langspielplatten sang Renate Holm in dieser Zeit. Die Goldene Schallplatte 1976 blieb nicht die einzige Auszeichnung im Leben der gebürtigen Berlinerin. Ihre österreichische Wahlheimat bedankte sich schon 1986 mit der Ehrenmedaille in Gold der Stadt Wien und am 3. April dieses Jahres mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. Vor wenigen Tagen ehrte nun auch Deutschland seine berühmte Staatsbürgerin mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Dies und ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum im vergangenen Jahr nahm die ARD zum Anlass, Renate Holm „Höchstpersönlich“ vorzustellen – so heißt die Sendereihe, für die am Wochenende in Berlin gedreht wurde – eben auch im Steigenberger, dem die Holm seit 25 Jahren ebenso die Treue hält wie ihrem Fan-Club seit 1953.

Dessen Mitglieder sind seither gealtert, ihr blonder Star scheinbar nicht. Für um die 50 Jahre könnte sie glatt durchgehen. Schlank und faltenlos präsentiert sich die 70-Jährige im engen schwarzen Lederrock, über dem schwarzen Pulli eine knappe Weste, modisch rot wie die Velourpumps an den schwarz bestrumpften Beinen. „Man muss schon was für sich tun“, sagt die „Österreichische Kammersängerin“, den Titel trägt sie seit 1971. „Von allein kommt nichts.“ Außer mit unerbittlicher Gymnastik allmorgens – 100 Mal Radfahren, mit den Beinen in der Luft, gehört dazu – hält sie sich mit Tai Chi und buddhistischen Ideen fit. „Eben so bissel mit der philosophischen Welle“, versucht sie ihren „Jungbrunnen“ zu erklären. Nicht zuletzt die Natur und Tiere gehören bei ihr dazu. Seit 36 Jahren bewirtschaftet sie im Weinviertel nördlich von Wien eine denkmalgeschützte Schlossmühle. Nach den Fotos, die sie davon zeigt, mehr ein herrschaftliches Gut und mit acht Hektar Land auch ein landwirtschaftlicher Betrieb. Zudem ein Kunstrefugium. Mit ihren drei „Ms“ – „Malerei und Musik in der Mühle“ – lockt die Künstlerin alljährlich die Wiener vor die Tore der Stadt.

Vor allem aber ist die Mühle ein Asyl – für augenblicklich 47 Tiere: Hunde, Katzen, Ziegen, Esel und was sonst noch so in tierischer Not bei der aktiven Tierschützerin abgegeben wird. Ihren ersten Esel hat sie dem Schlachthof abgekauft, wo das Tier aus Jugoslawien in elendem Zustand gelandet war. „29 gute Jahre hat er noch gehabt“, freut sich seine Retterin noch heute. Ihren jüngsten Neuzugang brachte ihr die Nachbarin persönlich – die Baronin wollte die Ziege davor retten, von ihrem darauf erpichten Gatten verspeist zu werden. „Bonnie“, einen ihrer geliebten Vierbeiner, hat Renate Holm in Berlin als Foto dabei – es zeigt eine tiefschwarze irre Hundemischung zwischen den Rassen Shizou und Schäferhund auf sattgrüner Wiese. „Bei Dir Hund zu sein, muss ein Traum sein“, heißt es im Freundeskreis.

Die Mühle und ihre tierischen Schützlinge, ihre Gesangsschüler in Wien und dazwischen immer wieder Auftritte vor allem in Benefizveranstaltungen – die Hände in den Schoss zu legen, ist Renate Holms Sache nicht. „Höre nie auf, anzufangen; fange nie an, aufzuhören“, ist ihr Lebensmotto.

Wer nicht bis zum 28. Juni warten will, um Renate Holm „Höchstpersönlich“ im Fernsehen zu erleben, kann ihr heute im KaDeWe persönlich begegnen. Dort signiert die Sängerin von 16 bis 17 Uhr in der 4. Etage ihre neue CD: „Renate Holm – Prima la Musica“ heißt der vom Schlager bis zur Opernarie reichende Querschnitt aus ihrem Bühnenleben.

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