Berlin : Die neue Berliner Luftbrücke

Wie der Architekt Hans-Georg Brunnert Tempelhof zum Check-In-Terminal für den Großflughafen Schönefeld machen will

Frederik Hanssen

„Na ja, beliebt macht man sich damit nicht.“ Hans-Georg Brunnert lässt ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Soweit man das hinter dem grauen Vollbart sehen kann. Der Mann mit dem eleganten Pferdeschwanz hat schlechte Laune in Berliner Amtsstuben verbreitet, als er jüngst seine Idee für die künftige Nutzung des Flughafens Tempelhof vorstellte. Der von den Nazis als „Weltflughafen“ konzipierte, 1230 Meter lange Gebäudekomplex soll nach dem Willen des Stuttgarter Architekten und Stadtplaners zur Eingangshalle für den neuen Großflughafen „Berlin Brandenburg International“ (BBI) werden. Und das geht so: Dort, wo jetzt Tristesse herrscht, könnten bald die mobilen Massen durch gläserne Hallen strömen, ihre Koffer abgeben und dann in eine Bahn steigen, die sie binnen 15 Minuten direkt aufs Schönefelder Rollfeld befördert. Einchecken im Stadtzentrum, abfliegen auf der grünen Wiese, lautet Brunnerts Vision. Tempelhof und Schönfeld durch eine unterirdische „Nabelschnur“ verbunden – mit dieser Innovation hätte die „Mutter aller Flughäfen“ (Norman Foster) eine Zukunft als Check-In-Terminal, aus allen Bezirken schnell erreichbar mit U- und S-Bahn, dazu Parkplätze direkt vor der Tür. Während der Fluggast in anderen Metropolen mit dem Vorortzug zum Airport gondeln muss, um dort endlos über Laufbänder zu eilen, bis er seinen Flieger erreicht, wird man in Berlin seine Koffer schon in der Stadtmitte los und lässt sich dann mit einer Nonstop-U-Bahn direkt bis zum Abflug-Gate schießen. „Genial!“, sagen fast alle, denen Brunnert sein Projekt bislang vorgestellt hat – „aber warum kommen Sie erst jetzt mit der Idee, wo das Planfeststellungsverfahren gelaufen ist?!“

Der Architekt stellt mit sonorer Stimme die Gegenfrage: „Bin ich dafür verantwortlich, dass sich in den Behörden das vernetzte Denken noch nicht durchgesetzt hat?“ Auf die Idee, Tempelhof als Einstiegsterminal für Schönefeld zu nutzen, hätte jeder kommen können, der einen Blick auf den Berliner Stadtplan wirft. Nichts anderes nämlich hat der 67-jährige Stuttgarter mit Zweitwohnsitz in der Hauptstadt getan. Und dabei festgestellt, dass unter dem „Kleiderbügel“, wie das Halbrund des Tempelhofer Flughafengebäudes genannt wird, von den Nazis ein U-Bahn-Tunnel angelegt wurde, der sich um das gesamte südliche Rollfeld herum zieht. Und dass es außerdem eine ungenutzte Industriebahnstrecke gibt, die so genannte Neukölln-Mittenwalder Trasse, die unmittelbar hinter dem Flughafenareal bis an den Stadtrand führt. Unterhalb der vorhandenen Gleise könnte man den Tunnel kostengünstig verlegen.

Den Verantwortlichen in Berlin klappte die Kinnlade herunter, als Hans-Georg Brunnert ihnen seine Idee offerierte. Denn Brunnert ist kein Luftschlossbauer, den man mit der bürokratischen Paragraphenkeule aus dem Feld schlagen kann, sondern ein ausgewiesener Flughafenexperte. In Leipzig beispielsweise hat er damals einen Entwurf vorgelegt, der dem bereits abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren für den Airport widersprach. Doch die Jury war so begeistert, dass sie ihm einstimmig den 1. Preis zuerkannte. Und siehe da: Die aktenkundigen Fakten waren durchaus noch veränderbar. Das ganze Vorhaben entwickelte sich sogar so erfolgreich, dass die Betreiber des „Flughafen Berlin Schönefeld GmbH“ (FBS) Hans-Georg Brunnert im vergangenen Oktober dazu einluden, einen Vortrag über die Realisierung des Leipziger Flughafens zu halten. Und damit lag Brunnerts Kuckucksei auch schon fast im Berliner Nest: Nachdem sich der Gast aus Stuttgart die diversen Probleme angehört hatte, die Betreiber und Anrainer, Bahn und Bundesregierung in Sachen Schönefeld umtreiben, begann er nachzudenken. Er sprach mit Logistikern, Verkehrsexperten und Tiefbauspezialisten. Am Ende legte er den Verantwortlichen seine Idee für Tempelhof vor.

Der Charakterkopf mit dem grauen Bart und den buschigen Augenbrauen ereifert sich nicht, wenn er davon erzählt, wie er seitdem in Berlin überall abblitzte. „Vor allem geht es hier doch um Stadtqualität“, erklärt er. Traditionell wurden Hauptbahnhöfe stets im Stadtzentrum gebaut. Auch der Pionierflughafen Tempelhof entstand noch in dieser Tradition. Heute dagegen werden die Airports auf die grüne Wiese geklotzt wie Einkaufszentren. Dadurch verlieren sie jede Verbindung zu der Stadt, der sie zugeordnet sind. Darum will Brunnert den Flughafen ins Zentrum zurückholen: Durch die Reaktivierung des einstigen Zentralflughafens als Check-In-Terminal könnte Berlin als einzige Metropole der Welt mit einem Airport in der Mitte der Stadt punkten. Der Bezug zum urbanen Umfeld würde hergestellt, ein ganzes Viertel durch die Geschäfte und Hotels aufgewertet, die sich rund um den Abfertigungskomplex ansiedeln würden. Ganz abgesehen von den Vorteilen für die Passagiere: Fünf U-Bahn-Stationen oder acht Minuten trennen „Platz der Luftbrücke“ und „Friedrichstraße“, die Ringbahn verläuft am Flugfeld, ebenso die Stadtautobahn. Egal, ob man ankommt oder wegfliegt, die Lage wäre ideal.

Und selbst jenen Zweiflern, denen die 15-Minuten-Fahrt zum Einstieg zu lang erscheint, kann Brunnert den Wind aus den Segeln nehmen. „Nach Schönefeld müssten Sie ja auch erst einmal gelangen. Für den geplanten Shuttle vom Lehrter Bahnhof sind 25 Minuten veranschlagt. Aber die Züge gehen im Viertelstundentakt. Unsere Nonstop-Verbindung dagegen soll alle drei Minuten starten. Dadurch sparen Sie pro Strecke mindestens 15 Minuten. Und außerdem: Herrn Mehdorn ist es egal, ob Sie den Zug erwischen, der Sie rechtzeitig nach Schönefeld bringt. Wenn Sie in Tempelhof eingecheckt haben, garantiert Ihnen der Flughafenbetreiber, dass Sie ihre Maschine rechtzeitig erreichen.“ Eine halbe Milliarde Euro billiger als das BBI-Konzept soll die ganze Sache laut Brunnerts Berechnung auch noch werden.

Die Entscheidung des Berliner Oberverwaltungsgerichts, dass Tempelhof bis 2006 weiter betrieben werden muss, hat der Architekt auf seine Weise zur Kenntnis genommen: gelassen. Sein Konzept nämlich sieht ebenfalls vor, dass Tempelhof weiter für Privatflieger offen bleibt und sogar als attraktiver Landeort für Regierungsgäste genutzt werden könnte. Er weiß, dass die Zeit für ihn arbeitet. Während sich Berlin weiter taub stellt, wurde im Bundestag bereits ein fraktionsübergreifender Antrag eingebracht, mit dem eine unvoreingenommene Prüfung der Idee im Haushaltsausschuss erzwungen werden soll. Beliebt macht er sich damit nicht. Aber darauf können Menschen mit Visionen keine Rücksicht nehmen.

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