Berlin : Die neue Mitte

Berlins Innenstadt wird in der Internet-Welt „Second Life“ eins zu eins nachgebaut. Heute geht der Fernsehturm online – als das höchste Gebäude im Netz

Sebastian Leber

Die Marienkirche steht noch nicht. Die lässt sich schwieriger nachbauen als der Rest, wegen der gotischen Bögen und der Ornamente. Aber das Team ist im Zeitplan. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Kirche heute Abend um Punkt acht nicht steht.

Tobias Neisecke, 33, und Jan Northoff, 29, haben sich einiges vorgenommen: Ganz Berlin wollen sie im Internet nachbauen. In „Second Life“, der rasant wachsenden Online-Welt, in der jeder Internetnutzer seine eigene dreidimensionale Figur erschaffen und damit umherstreifen kann – wie in einem unendlich großen Computerspiel, nur dass Second Life mehr ist als ein Spiel: Hier lernt man sich kennen, hier wird miteinander gesprochen, gewohnt, gehandelt. Ein zweites Leben im Internet eben. Schon fünf Millionen machen weltweit mit. Bisher sahen die Landschaften eher lieblos aus, viele Häuser erinnerten an Schuhkartons. Das virtuelle Berlin wird anders.

Heute geht das erste Teilstück online. Wer dann in seiner Second-Life-Landkarte das Stichwort „New Berlin“ eingibt, findet sich automatisch in Mitte wieder. Es sind nur 256 mal 256 Meter rund um den Fernsehturm. Aber die sind so realistisch gestaltet, wie man es im Internet sonst kaum findet. Die Blätter der Bäume rauschen im Wind. Die Uhr am Bahnhof Alexanderplatz geht sekundengenau. Der Mülleimer auf dem Vorplatz ist mit denselben Grafitti beschmiert, die man auch auf dem realen Eimer findet. Und guckt man von schräg oben in die Box rein, liegt sogar Müll drin. Der Fernsehturm ist 368 virtuelle Meter hoch, genau wie in echt.

Tobias Neisecke und Jan Northoff kennen sich erst vier Monate. Bei ihrer ersten Unterhaltung kamen sie auf die Idee mit dem virtuellen Berlin. Eigentlich ist Neisecke Mediziner, er wollte gerade seine Doktorarbeit schreiben. Aber darin geht es „nur um Statistik, die Daten kann ich auch noch in fünf Jahren auswerten“. Die Second-Life-Idee sei so gut, „die müssen wir jetzt machen – sonst tut’s ein anderer“.

Tatsächlich gab es bereits Versuche von Internet-Aktivisten, Teile Berlins in „Second Life“ abzubilden. Da sah man den Fernsehturm direkt neben dem Brandenburger Tor, die Quadriga fehlte ganz, und am Pariser Platz stand nicht das Adlon, sondern eine Technodisko. Verglichen mit „New Berlin“ sah das erbärmlich aus.

Neisecke und Northoff arbeiten mit exakten Karten und Luftbildern, die haben sie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung abgekauft. Und kleine Details wie die Fahrpläne an der Tram-Haltestelle fotografierten sie mit Digitalkameras ab.

Würden sie wirklich alle Berliner Straßen nachbauen, inklusive Marzahn und Hellersdorf, müssten sie 3440 Mal so viel Fläche bebauen wie jetzt. Nein, das sei nicht größenwahnsinnig, sagen sie. Eher ambitioniert. Deshalb haben sie sich beim Second-Life-Anbieter, der im wahren Leben in San Francisco sitzt, einen riesigen Bereich der virtuellen Landkarte reservieren lassen. Darauf kann nun kein anderer mehr bauen. Die Reservierung kostet monatlich Geld – genau wie die sechs Mitarbeiter, die Berlin gerade Haus für Haus nachbauen. Deshalb hat Neisecke sein Konto geplündert, Northoff musste sich Geld von den Eltern leihen. Das wollen sie wieder hereinbekommen, indem sie virtuelle Gebäude an virtuelle Gäste vermieten. Und zwar an diejenigen, die auch in der Realität dort wohnen. Das könnte klappen: Viele Unternehmen versuchen bereits, sich in Second Life zu etablieren, eigene Filialen zu eröffnen und dort für sich zu werben. Allerdings irgendwo im virtuellen Raum, wo man sie kaum findet. Wenn aber etwa ein Supermarkt in „New Berlin“ genau an der Stelle seine Filiale eröffnet, an der er auch im wahren Leben sitzt, können Second-Life-Nutzer ihn leicht finden, dort per Mausklick einkaufen – und der Händler bringt die Ware in der Realität direkt an die Haustür. Museen und Galerien könnten virtuell ihre aktuellen Ausstellungen zeigen, Ämter Bürokram erledigen lassen. Das ist das Ziel.

Neisecke und Northoff arbeiten im Hinterzimmer einer Galerie in der Hannoverschen Straße, schräg gegenüber des Forschungsministeriums. „Hauptquartier“ nennen sie ihr 16-Quadratmeter-Reich, zwischen den vielen Bildschirmen, Computern und Kabeln ist kaum Platz. „Krieg der Sterne“-Videos liegen herum, elektronische Musik kommt aus den Boxen. So stellt man sich eine kreative Keimzelle vor.

Jeden Mittwochabend laden die beiden interessierte Second-Life-Neueinsteiger zu sich ins Hauptquartier. Wer sich vorher per Mail anmeldet und zehn Euro zahlt, kann in einem Kurs lernen, wie man sich in der virtuellen Welt bewegt. Ansonsten basteln die zwei an den nächsten Teilstücken. Unter den Linden soll bald folgen. Die Volksbühne ist auch schon gebaut. Sie sieht gut aus.

Und am Donnerstag um 12 Uhr will sich Jan Northoff – im realen Leben – mit seinem Laptop auf die Parkbank zwischen Fernsehturm und Bahnhof setzen. Und dann mit seiner Internet-Figur in Second Life schlüpfen und sich dort genau an dieselbe Stelle setzen. Wer will, kann ihn gerne ansprechen und Fragen stellen – sowohl auf der echten als auch auf der virtuellen Parkbank.

Der Weg ins virtuelle Berlin:

www.sl-vertretung.de

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