Berlin : Die neue New Economy

Auf der Computermesse Cebit überraschten Berliner Firmen mit Innovationen – die Krise scheint vorbei

Frieder Bechtel

Sechs Tage lang war Clown Pippo auf der Cebit. Präsentiert hat ihn dort sein Erfinder Michael Hendrix von der Technischen Fachhochschule Wildau in der Nähe von Berlin. Pippo ist ein Gerät, das Kinder dazu bewegen soll, besser bei medizinischen Untersuchungen zu kooperieren. Der Clown zeigt den kleinen Patienten auf einem Computerbildschirm spielerisch, was sie etwa bei einem Hörtest tun müssen. „Dadurch sind die Kinder konzentrierter und das Ergebnis der Untersuchung wird präziser“, erklärt Hendrix.

Der Erfinder war einer von 229 Ausstellern aus Berlin und Brandenburg, die in diesem Jahr auf der Computermesse Cebit in Hannover vertreten waren. Im vergangenen Jahr waren es noch etwa 20 weniger. Neben den großen Firmen wie dem Kommunikationsspezialisten AVM oder dem Auktionshaus Ebay, das in Kleinmachnow mit 760 Mitarbeitern fast alle Kundenanfragen aus Europa beantwortet, waren von den regionalen Unternehmen vor allem die mittelständischen auf der Messe präsent. Viele überraschten dort mit innovativen Produktideen.

Eine dieser Firmen ist „Emessage“ aus dem Prenzlauer Berg. Das Unternehmen entwickelt Pager – kleine Geräte, die ihre Besitzer jederzeit an jedem Ort mit Nachrichten versorgen. Dass auch Handys mit immer mehr Funktionen bestückt sind und dadurch dem Pager Konkurrenz machen, bereitet Emessage keine Sorgen: So halten der Fußballverein Dynamo Dresden und die Handballer „Füchse Berlin“ ihre Anhänger via „Eskyper“ über das Vereinsgeschehen und Spielergebnisse auf dem Laufenden. „10000 Stück sind schon verkauft“, sagt Firmensprecherin Angelika Griebner.

Auf diesem Erfolg ruht sich Emessage aber nicht aus: Auf der Cebit präsentierte das Unternehmen eine Version des Eskypers, die über die RTL-Plattform „Wetter.de“ für knapp 50 Euro verkauft werden soll. Dafür wird der Besitzer dann ein Jahr lang kostenlos mit aktuellen regionalen Wettervorhersagen versorgt. Außerdem seien rund 30 Sportkanäle abonnierbar, heißt es bei RTL.

Eine andere Weiterentwicklung ist „Emotion“, ein Gerät, das für etwa 80 Euro an den Privatkunden gebracht werden soll. Für einen monatlichen Preis von etwa fünf Euro kann man sich individuell zusammengestellte Nachrichten schicken lassen kann, auch private Nachrichten von Nutzer zu Nutzer sollen möglich sein.

Für all diese Pagerdienste greift Emessage auf eigene Frequenzbereiche zurück. So übernahm die Firma, die mittlerweile knapp 60 Mitarbeiter in Berlin beschäftigt, vor fünf Jahren die Funkruf-Dienste der Deutschen Telekom. Seitdem bietet Emessage auch Funk-Kommunikationssysteme für die Feuerwehr und für Firmen mit großem Werksgelände an. „Die Feuerwehr hat natürlich andere Frequenzen als der Wetterpager“, versichert Griebner.

Vom technologischen Fortschritt der IT- und Kommunikationsbranche profitiert die gesamte Berliner Wirtschaft, die Krise der „New Economy“ scheint überwunden. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Industrie- und Handelskammern (IHK) wollen Berliner und Brandenburger Unternehmen der Branche in diesem Jahr wieder mehr Mitarbeiter einstellen. Schon im Jahr 2003 gab es in Berlin wieder etwas mehr Beschäftigte als zu Beginn des Booms der Computerbranche 1998. In Brandenburg waren es zwar noch etwas weniger, aber Carsten Schöning von der IHK Potsdam glaubt, dass in diesem Jahr der Stand von 1998 wieder erreicht und sogar leicht übertroffen werden könnte. „Insgesamt geht es aufwärts“, sagte er.

Das macht sich auch bei den Arbeitslosenzahlen bemerkbar. So weist Brandenburg im Februar einen Rückgang der Branchen-Arbeitslosigkeit von 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Allerdings: Selbst der Zuzug eines IT-Unternehmens in die Region muss nicht immer einen Rückgang der Arbeitslosigkeit bedeuten. „Die Mobilität dieser Arbeitskräfte ist so hoch, dass sie oft von ihren Unternehmen mitgebracht werden“, erklärt Olaf Möller von der regionalen Arbeitsagentur.

Doch nicht nur kommerzielle Aussteller kamen zur Cebit, auch Wissenschaftler waren vertreten. Der Fachhochschule (FH) Potsdam seien Kontakte zur Industrie wichtig, weil so technische Entwicklungen unter realen Bedingungen getestet werden könnten, erklärt Matthias Hauf von der Techniktransferstelle der FH. Eine dieser Entwicklungen trägt den Namen „Rapid Prototyping“. Georg Bergmann und Katja Gustke entwickelten gemeinsam mit einem Team aus zwölf Studenten ein System, das automatisch Modelle und Designstudien anfertigen kann. „Das System arbeitet wie ein Drucker“, erklärt Matthias Hauf, „Sie ändern am Computer das Design ihres Produkts und das System formt mittels UV-Strahlen ein Modell mit dem geänderten Design.“ Erprobt wurde das Gerät bereits erfolgreich: Die Brandenburger Firma Jetcar setzte es bei der Entwicklung ihres neuen Kabinenfahrzeugs ein. Auf der Cebit hat die FH weitere Interessenten aus ganz Deutschland gefunden, die jetzt mit ihr zusammen arbeiten wollen.

Für Clown Pippo war die Cebit ebenfalls ein Erfolg. Im Frühjahr 2006 will ihn Erfinder Hendrix nun auch auf einem Kongress in den USA vorstellen. Werde sein Produkt dort angenommen, brauche er deutlich mehr als die bisher eingeplanten vier Arbeitskräfte, erklärt er.

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