Berlin : Die neue Offenheit der Polizei

Seit Präsident Glietsch im Amt ist, berichtet die Behörde von selbst über Verfehlungen von Beamten

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In den nächsten Tagen wird die Kriminalpolizei Angestellte und Gäste der Bierschänke „Hubertus“ in Reinickendorf vernehmen. In dem Lokal sollen, wie berichtet, vier angetrunkene Polizisten außerhalb des Dienstes eine 35jährige Frau sexuell beleidigt, angegriffen und unsittlich berührt haben. Das hat jedenfalls die Frau angezeigt. Der Wirt erzählt eine andere Version: Danach habe die Frau die Beamten provoziert und angegriffen.

Die Polizeipressestelle meldete den Vorfall einen Tag nach dem Ereignis, das sich am Montagabend zugetragen hat. Ebenso, wie in der jüngsten Vergangenheit schon mehrfach über polizeiinterne Vorkommnisse berichtet worden war. Eine Praxis, die seit der Amtsübernahme von Polizeipräsident Dieter Glietsch im Mai 2002 zu beobachten ist. Bei seinem Vorgänger Hagen Saberschinsky war die Polizeiführung immer sehr sparsam mit Informationen über angebliche Verfehlungen von Polizisten. Politiker und Medien hatten der Behörde deshalb häufig vorgeworfen, sie versuche, Fehler ihrer Mitarbeiter zu verheimlichen.

Der reformfreudige Dieter Glietsch wies seine Mitarbeiter an, ihn sofort über eingeleitete Ermittlungen gegen Polizeibeamte zu benachrichtigen und auch die Medien darüber zu informieren. So verfasste die Polizeipressestelle in den vergangenen zehn Monaten rund ein halbes Dutzend Meldungen, in denen über kriminelles Handeln oder sexuelle Übergriffe von Polizisten berichtet wird. Zuletzt war am 28. April gemeldet worden, dass ein Polizeihauptmeister der Bereitschaftspolizei sich an einer Kollegin vergangen haben soll. Im Sommer2003 waren drei Beamte aus Kreuzberg suspendiert worden, denen vorgeworfen wird, mit Dealern gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Zur neuen Offenheit sagte die Leiterin der Polizeipressestelle, Gabriela Gedaschke: „Es wäre negativ für das Ansehen der Polizei, wenn wir in solchen Fällen schweigen würden. Schließlich haben wir nichts zu verheimlichen.“

Zum aktuellen Fall im „Hubertus“ gibt es dennoch keine weiteren Informationen: „Die Ermittlungen dauern an.“ Ob sich die Vorwürfe gegen die Beamten aus der Direktion 1 erhärten, wird die Zeugenbefragung ergeben. Die Anschuldigungen gegen sie stützen sich derzeit offenbar nur auf die Aussage der betroffenen Frau. Dem „Hubertus“-Wirt zufolge wurden bisher weder seine am Montagabend anwesenden Mitarbeiter noch die Gäste befragt, die den Vorfall miterlebten.

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