Berlin : Die neue Sitzordnung

Sie diskutieren über Meerschweinchen, Filme oder Papier-Dinos: Berlins Stammtisch-Kultur lebt In welchen Kneipen sich Gleichgesinnte treffen. Und was man dort lernen kann

Sebastian Leber

Von wegen, an Stammtischen geht es immer gemütlich zu. Sobald jemand das Wort „Film-Frodo“ ausspricht, wird es schlagartig ungemütlich im Restaurant Walden in Prenzlauer Berg. Dann folgt nämlich garantiert eine Diskussion über die Frage, ob Elijah Wood den Hobbit Frodo hätte spielen dürfen, in der Verfilmung des „Herrn der Ringe“. Weil: Im Buch ist Frodo ein gestandener, erfahrener Hobbit. Und der Schauspieler Elijah Wood sieht aus wie ein Teenie. Darüber kann man Stunden debattieren.

Das tun sie auch. Einmal im Monat laden die Berliner Mitglieder der Deutschen Tolkien Gesellschaft – doch, die gibt es – zum offenen „Herr der Ringe“-Stammtisch. Jeder, der sich für J.R.R. Tolkiens Fantasiewelt Mittelerde und die darin lebenden Hobbits, Elben und Zwerge interessiert, darf kommen. Manche haben sich Gummiohren angeklebt, dann sehen sie aus wie die Elben im Film. Zumindest mit ein bisschen Fantasie.

Die Stammtisch-Kultur lebt. In Berlin gibt es mittlerweile viele Dutzend Runden, in denen sich Gleichgesinnte über ihr Lieblingsthema austauschen. Alles, was man braucht, ist ein fester Termin im Monat, ein großer Kneipentisch und ein gemeinsames Interesse. Das kann auf den ersten Blick ruhig abwegig sein: je spezieller das Gesprächsthema, desto verschworener ist die Runde. In Neukölln treffen sich regelmäßig die Berliner Rattenfreunde, in Mitte die Anhänger des alten VW Käfers. In einem Restaurant in der Schöneberger Winterfeldtstraße findet einmal im Monat der „Hypnose-Stammtisch“ statt. Das ist nichts für Esoteriker, „nichts für Verstrahlte“, sagt Gründer Thomas Krause, sondern für Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Und wissen wollen, wie man durch Hypnose mit dem Rauchen aufhört oder abnimmt oder sich einfach gut fühlt. Wirklich hypnotisiert wird beim Stammtisch nur selten, denn im Restaurant ist es ziemlich laut. Nur manchmal, wenn zu viele Stammtisch-Neulinge um eine Showeinlage bitten, gibt Krause nach. Dann lässt er einen Teilnehmer in Trance den Arm heben und schon ist genug Gesprächsstoff für den Rest des Abends da. Wer aber meint, Stammtische dienten nur der Zerstreuung, sollte nächsten Mittwoch das Restaurant „Aue“ in Wilmersdorf besuchen. Da tagt einer der etabliertesten Stammtische Berlins: der Erfinder-Stammtisch. Jeder, der mal etwas erfunden hat oder es vorhat, ist herzlich willkommen, sagt Gründungsmitglied Peter Stepina. „Denn nichts ist schlimmer, als mit seiner Idee direkt zum Patentamt zu rennen.“ Eine Erfindung will gut geplant sein, vor allem die Vermarktung. Bei Stepinas Stammtisch bekommt man Tipps von Profi-Erfindern. Früher war Ernst Ruska dabei, der Mann hat das Elektronenmikroskop erfunden und dafür den Nobelpreis bekommen. Diese Auszeichnung blieb seinem Stammtisch-Kollegen Erich Wegner versagt, in seinen Sandalen mit „Fun-Massage-Sohlen“ läuft es sich trotzdem sehr angenehm. Leider sind beide Erfinder schon tot. Das ist nämlich das Problem, sagt Peter Stepina: Bis sich Erfindungen wirklich durchsetzen, vergeht oft viel Zeit. Deshalb kann man nie früh genug damit anfangen.

Nicht bei allen Stammtischen können die Teilnehmer hoffen, durch Kneipenabende ihre Karriere anzukurbeln. Beim ersten Berliner Origami-Stammtisch in Moabit etwa gilt es bereits als Erfolg, wenn man am Ende des Abends den großen Elefanten richtig falten kann. Oder den Kranich, das kommt auf den Erfahrungsgrad an. Mitglied Rainer Caspary faltet seit 1987. Im Austausch mit Gleichgesinnten kommt man schneller voran, sagt er. Als nächstes will er sich an einen Brachiosaurus wagen, der Dino wird ihn auf unbestimmte Zeit beschäftigen. Die Origami-Falter lassen sich jeweils überraschen, was ein Treffen bringt. Andere Stammtische haben feste Themenabende. Die Spandauer Dackelfreunde beschäftigen sich je nach Jahreszeit mit Zecken, Tollwut oder sonstigen Hunde-Gefahren. Die Science-Fiction-Fans in Treptow sprechen auf ihrem Treffen am Donnerstag nächster Woche über „Frauen in der Science-Fiction“. Und im Wilmersdorfer Restaurant „Hell oder Dunkel“ steht nächstes Mal ein besonderer Höhepunkt an: Da wird der „AirPort Extreme“ vorgestellt. Ein neuer, pardon, der neue W-Lan-Router. Das Gerät braucht man, um mit seinem Laptop kabellos ins Internet zu kommen. Die Vorfreude ist also riesig beim Stammtisch der Mac-Nutzer. Christian Henkel hat ihn gegründet und ist überzeugt, dass es kaum eine effektivere Form des Wissensaustauschs gibt als den Stammtisch. Und gelacht wird auch viel, sagt er, meistens über Windows-Anwender. Ja, Mac-Nutzer wirken leicht arrogant, gibt Henkel zu. Aber liebenswert arrogant.

Auch beim Herrder-Ringe-Stammtisch in Prenzlauer Berg werden Witze gerissen. Zum Beispiel der hier: „Geht ein Elb am Kosmetiksalon vorbei.“ Man muss wissen, dass Elben sehr gepflegt aussehen, also an einem Kosmetiker niemals einfach nur vorbeigehen würden. Spiele gibt es auch, zum Beispiel „Stadt, Land, Fluss“ in der Tolkien-Version. Buchstabe M: Minas Tirith... Mordor... Meer von Rhun. Das Letzte war kein Fluss, aber Gewässer zählen auch, es soll schließlich Spaß machen.

Man kann auch fürs Leben lernen, sagt Magy da Silva, eine Stammtisch-Mitgründerin. Und Zusammenhänge begreifen, die sich einem beim Lesen der Bücher zu Hause niemals erschließen würden. Man denke nur an die Weisheiten von Gandalf dem Grauen. Das Einzige, was man tun kann, ist die einem gegebene Lebenszeit sinnvoll zu nutzen, hat der weise Mann im Buch gesagt. Darüber sollte jeder mal nachdenken, findet da Silva.

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