Berlin : Die nordischen Botschaften - Lava und sprudelnde Quellen am Rande des Tiergartens

Christoph Stollowsky

Lava glüht unter schwarzem Vulkangestein. Das ist der Blickfang auf dem Staatsterritorium des kleinsten skandinavischen Landes in Berlin - im Lichthof der isländischen Botschaft. In Norwegen, ein paar Schritte nebenan, ragt ein gewaltiger Granitblock aus dem Land der Fjorde in den Novemberhimmel. Fünfzehn Meter hoch, 120 Tonnen schwer und raffiniert in die gläserne Front des diplomatischen Gebäudes eingefügt. In Schweden dreht sich die Wendeltreppe aus Birke wie ein Holzspan um sich selbst, in Dänemark schweben Brücken scheinbar frei im Atrium und auf finnischem Staatsgebiet sind Sauna und Kaminzimmer so selbstverständlich wie der Grundriss der Vertretung in Form eines Zupfinstrumentes. Kein Haus ist wie das andere am neuen Tor zum Norden in Berlin - den skandinavischen Botschaften auf dem Klingelhöfer Dreieck in Tiergarten.

"Jedes bringt das Gesicht und das Lebensgefühl seines Landes zum Ausdruck", sagt die norwegische Kulturrätin Gerd Pettersen und streicht über die schwarze Haut des Granitmonoliths an ihrem Arbeitsplatz. Grobe Furchen fährt sie entlang, letzte Spuren einer Lasersäge, die sich durchs Gestein fraß, bevor es die Norweger per Schiff und Tieflader an die Spree transportierten. Das Porträt von Königin Sonja und König Harald steht vor der aufsteigenden Wand im Foyer, rechts und links haushohes Glas und im Rücken Arbeitsräume auf drei Etagen, deren Vorzüge Ger Petterssen so auf den Punkt bringt: "Hundert Prozent norwegisches Design". Vom Schieferboden aus den Gebirgen ihrer Heimat bis zur Eleganz der Büromöbel. Sogar die Fenster sind zartgrün getönt, sie sollen an die Farbe der Gletscher erinnern.

Wer von der Rauchstraße aus mit Sondererlaubnis auf die innere Plaza der Nordischen Botschaften vordringt, tritt eine kleine Reise durch Schweden, Dänemark, Finnland, Island und Norwegen an. Im vergangenen Oktober wurde der gemeinsame Standort ihrer Vertretungen feierlich eröffnet, zumal die Skandinavien nirgendwo auf der Welt derart nah zusammengerückt sind. Ein Miteinander, das tausende patinierte Kupferlamellen zum Ausdruck bringen, die als grünes symbolisches Band in mehreren Metern Höhe alle Vertretungen "wie Meereswogen" umschlingen. So zumindest sehen es romantische Geister, während andere Betrachter die geschuppte Außenfront des Komplexes eher abweisend finden. Dahinter jedoch sind sich Architekturkritiker weitgehend einig: Hier waltete Fantasie auf dem Reißbrett und schuf Überraschendes. Gebäude

wie Kunstwerke, in denen man sich wohlfühlen kann. Ein erfreulicher Kontrast zu vielen Berliner Neubauten, die wie Kästen wirken.

Beginnen wir den Bummel im Kultur-Gemeinschaftshaus aller Botschaften, dem "Felleshus". Quellen sprudeln aus dem Steinboden. Ein Entrée mit viel Holz und großzügigen Fenstern, das allen Berlinern offensteht. Links das Sicherheitspersonal am Durchgang zur Plaza. Man hat sie mit norwegischem Schiefer gepflastert, durchzogen von Bändern aus schwedischem Marmor, aus denen nach Einbruch der Dämmerung hunderte Strahler leuchten. Rechterhand die Vertretung von Finnland. Ummantelt von Glas und einem hölzernen Gitter aus Lärchenlamellen. Wie eine Skulptur sieht dieses Gebäude aus, wenn Bürolicht durch zehntausende Schlitze nach Außen schimmert. Im Inneren beließen die Architekten Stahl und Beton in ihrer rohen Form, die Ursprünglichkeit der Heimat vor Augen. Und auf der Empore, in einem Atrium unter freiem Himmel, präsentieren die Finnen die Eberesche mit ihren roten Früchten wie andere Gesandschaften Wappen oder Fahnen. Sie ist der heilige Baum ihrer Folklore.



In der Nachbarschaft fesselt Schweden mit runden Formen. Das gesamte Parterre: eine haushohe Halle im warmen Ton des Birkenholzes. Wie zum Geleit führt vom Eingang eine geschwungen, niedrige Mauer aus weißem Kalk ins Foyer hinein. Ihre Steine wurden auf Gotland gebrochen. Linkerhand die Wendeltreppe, darunter: Das Rauschen eines Wasserfalles auf schwarzem Granit. Und über die gesamte Holzvertäfelung ziehen sich türkisfarbene Bänder wie ein feines Netz. "Die innere Fortsetzung des äußeren Kupferbandes", sagt Botschaftssprecherin Maria Jonsson.

Klein wie ein Schmuckschatulle wirkt schräg gegenüber das Haus der Isländer. Für seine sieben Mitarbeiter gibt es aber mehr als genug Platz. Auch hier hat nahezu alles heimatlichen Ursprung und landestypischen Stil. Architekt Pálmar Kristmundsson wollte nicht nur die Fassade aus poliertem Sandstein, die abends wie roter Marmor leuchtet, er entwarf zugleich das gesamte Innendesign bis zu Bürotischen- und Stühlen. Und dann schuf er für seine Vulkaninsel im Nordmeer einen außergewöhnlichen Blickfang in Berlin: Er setzte das Lavageröll im Lichthof mit roten Strahlern in Szene. Als würde darunter die Hölle brodeln.

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