Berlin : Die Not der Opfer lindern

Polizei richtet erstmals einen „Raum der Stille“ ein

Tanja Buntrock

Eine alte Frau ist beraubt worden. Der Täter hat ihr die Handtasche entrissen, sie zu Boden gestoßen und ihr ins Gesicht getreten. Wenig später sitzt sie auf einer Polizeiwache vor Beamten, weinend mit zugeschwollenem Gesicht, zitternd vor Angst und mit den Nerven am Ende. „Und in so einem Zustand soll sie Aussagen zum Tathergang machen?“, hat sich der Leiter der Polizeidirektion 1, Klaus Keese, schon vor einiger Zeit gefragt. Unmöglich. Unwürdig. Deshalb haben die Beamten dieser Direktion in der Pankstraße – zuständig für Reinickendorf, Tegel und Spandau – als erste der Berliner Polizei einen „Raum der Stille“ eingerichtet.

„Hier können Opfer und Zeugen zur Ruhe kommen. Sie dürfen hier weinen oder schweigen. Oder sich die Ängste von der Seele reden. Der Raum soll ihnen eine warme, geborgene Atmosphäre bieten so kurz nach einer Tat oder einem schweren Verkehrsunfall“, schildert Keese. Bei der Einrichtung des Zimmers haben sich die Beamten von Psychologen Ratschläge geben lassen: Die Wände sind in einem warmen Gelb gestrichen, dazu ein sanftes Licht aus einer Bodenlampe, zwei Rattansessel, ein kleiner Tisch. Auf Wunsch tönt beruhigende Meditationsmusik aus dem CD-Spieler. Und für Kinder gibt es Spielzeug. Gerade Kinder seien „Opfergruppen“, an die wenig gedacht werde. Ein Kind, das mit ansehen musste, wie der Vater die Mutter halb tot geprügelt hat, sei bei der Anzeigenaufnahme auf dem Flur der Polizeiwache sicher nicht gut aufgehoben, sagt die Opferschutzbeauftragte Martina Linke.

Auch die Pfarrer der Notfallseelsorge und die Mitglieder des Opferschutzvereins „Weißer Ring“ haben im „Raum der Stille“ die Möglichkeit, sich mit Opfern und Zeugen zurückzuziehen. „Menschen, die eine Straftat miterlebt haben, sind oftmals sehr traumatisiert. Viele können zunächst gar nicht reden. Sie müssen das Unfassbare verarbeiten. Ein Raum, der wie ein Schutzmantel ist, kann dabei helfen“, sagt Polizeipfarrer Reinhard Voigt. Zur Ruhe kommen, das bedeute auch, sich zu sammeln: Für das, was in einer Zeugenaussage für die Ermittlungen von Bedeutung sein kann. Die Direktion im Norden Berlins hat den Anfang gemacht. „Wir wären froh, wenn andere Direktionen das nachmachen“, sagt Keese.

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