Berlin : Die oder keine!

Marlene Dietrich erinnerte Emil Jannings nur an eine Kuh beim Kalben. Als Nebendarstellerin in seinem ersten Tonfilm „Der blaue Engel“ hielt er sie für völlig ungeeignet. Und nie hätte er gedacht, dass ausgerechnet sie ihn in die zweite Reihe spielen würde. Warum bloß musste Regisseur Josef von Sternberg ausgerechnet ihr verfallen?

Andreas Conrad

BERLINER KINOLEGENDEN (1): DER BLAUE ENGEL

Marlene Dietrich? Ach die, Leni Riefenstahl erinnerte sich gut. Ja, deren Typ sei für seine Zwecke genau richtig, versicherte sie Josef von Sternberg beim Essen im Hotel Bristol: „Ich habe sie nur einmal gesehen, sie ist mir aufgefallen. Das war bei Schwanecke, einem kleinen Künstlercafé in der Rankestraße… Vielleicht war sie etwas beschwipst. Ich hörte, wie sie mit lauter Stimme sagte: ,Warum muss man immer einen schönen Busen haben, der kann ja auch mal ein bisschen hängen.‘ Dabei hob sie ihren linken Busen etwas an und amüsierte sich über die verdutzten Gesichter der um sie sitzenden jungen Mädchen.“ Dies verfehlte nicht die Wirkung auf den Regisseur. Eine Neigung zum Ordinären könnte der künftigen Lola-Lola nur gut tun. Schon am Abend besuchte von Sternberg die Revue, in der die so Empfohlene auftrat. Tags darauf traf er seine junge Ratgeberin erneut. Er habe Lola-Lola endlich gefunden.

Doch, so könnte es gewesen sein, wie Riefenstahl es in ihren Memoiren geschildert hat. Allerdings existieren so viele widersprüchliche Versionen über die Entdeckung der Dietrich durch Josef von Sternberg, dass es fast unmöglich ist, sich für eine zu entscheiden. Ausschließen kann man auf jeden Fall Emil Jannings Version, der behauptete, er habe von Sternberg und Ufa-Produzent Erich Pommer in die Revue geführt: „Beide Herren gaben mir Recht. Nur Marlene Dietrich und keine andere Frau konnte die Rolle übernehmen!“ Da hat er bei den Dreharbeiten noch ganz anders geredet.

Mit dem Durchbruch des Tonfilms war Jannings nach längerem USA-Aufenthalt 1929 wieder zurückgekehrt. Die Ufa hatte Großes mit ihm vor, wollte beweisen, dass auch sie zu überragenden Leistungen im neuen Medium fähig sei. Fehlte nur noch ein Regisseur und ein Filmstoff. Für seinen ersten Tonfilm hatte Jannings von Sternberg vorgeschlagen, am 16. August 1929 kam der Regisseur in Berlin an. „Mir ist, als wär’ ich in Hollywood gestorben, und nun bin ich im Himmel wieder aufgewacht“, diktierte er den im Esplanade versammelten Reportern in die Blöcke. Den ihm zugedachten Stoff fand er alles andere als himmlisch: Rasputin? Nicht mit ihm! Hektisches Hin und Her, zum Glück entsannen sich Jannings und Pommer des Plans, Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ zu verfilmen. Der Regisseur war hochzufrieden, erbat sich nur von Mann die Erlaubnis, Titel und Aufbau zu ändern, aus Rosa Fröhlich die – Frank Wedekinds Urweib Lulu entlehnte – Lola-Lola zu machen und den Professor sterben zu lassen. Dass es erste Schritte waren, die das Zentrum der Geschichte verschoben, von der Gesellschaftssatire zur Liebestragödie, von Unrat zu Lola-Lola, entging Jannings.

Vier neue Tonfilmateliers, zum so genannten Tonkreuz geordnet, standen in Babelsberg (hinter der heutigen Marlene-Dietrich-Halle) bereit. Fehlte nur noch Lola-Lola – und die ließ sich partout nicht auftreiben. Zwar „führte jeder seine Geliebte in mein Büro, und jede enthüllte Reize, die, in einer Person vereinigt, mehr als begehrenswert gewesen wären“, erinnerte sich der Regisseur. „Aber ich wusste nicht, wie ein halbes Dutzend Frauen eine Rolle spielen sollten.“ In einem Schauspielerkatalog stieß er auf ein Dietrich-Foto, sein Assistent zuckte mit den Schultern: „Der Popo ist nicht schlecht, aber brauchen wir nicht auch ein Gesicht?“

Eines Abends saß er dann doch im Berliner Theater in der Kreuzberger Charlottenstraße90. Dort lief die Revue „Zwei Krawatten“, mit Hans Albers und Rosa Valetti, die man für den „Blauen Engel“ schon engagiert hatte – und eben Marlene Dietrich. Nur einen Satz hatte sie zu sprechen, aber es waren ohnehin eher ihre zur Schau getragene „eindrucksvolle Gelassenheit“ und die „kalte Verachtung für die grotesken Possen“, die von Sternberg elektrisierten. Tags darauf bestellte er die Auserkorene ins Büro. Auch Pommer und Jannings waren da. An die Stelle von Gelassenheit war Lethargie getreten: „Sie schien nicht zu sehen, wohin sie trat, und ich befürchtete, sie werde jeden Moment mit einem Sessel zusammenstoßen. Später sagte mir Jannings, eine Kuh habe nur beim Kalben verschleierte Augen.“

Der Regisseur ließ sich nicht beirren, hatte an seinem neuen Star etwas entdeckt, was andere übersahen – selbst als sie sich bei den Probeaufnahmen erstmals in Lola-Lola verwandelte. Die Bitte, ein Lied mitzubringen, hatte sie ignoriert – „weil ich sowieso überzeugt war, keine Chance zu haben“. Der von ihr vorgeschlagene Song kannte der Pianist nicht, der sich verspielte und von der künftigen Diva prompt angegiftet wurde. Im Filmmuseum Berlin läuft ihr Ausbruch – „Soll Musik sein, ja?“ – als Endlosschleife, sie selbst bekam die Aufnahmen nie zu sehen. Die Ufa-Bosse hat sie damit nicht überzeugt, von Sternberg aber blieb hart: Die oder keine!

Die größte Mühsal stand ihm erst noch bevor: die Arbeit mit Jannings. Marlene Dietrich beschrieb den Schauspieler als „manchmal geradezu psychopathisch“, von Sternberg „gab ihm sogar Peitschenhiebe – auf dessen ausdrücklichen Wunsch“. Auch der Regisseur attestierte seinem Hauptdarsteller ein „masochistisches Ego“, berichtete über hypochondrische Anfälle und endlose Versuche, Jannings aus der Garderobe vor die Kamera zu locken – Schwierigkeiten, die man dessen genialem Spiel auf der Leinwand nicht mehr ansieht, obwohl Film und Wirklichkeit sich einander annäherten. In der Wut, mit der der gefallene Professor Rath sich auf seine untreue Lola-Lola stürzt, kulminierte nur der Hass, den Jannings für die junge Kollegin empfand, die ihn unversehens in die zweite Reihe gespielt hatte. Die Würgemale waren tagelang zu sehen.

Mitte Februar, kurz nach von Sternbergs Abreise, unterschrieb Marlene Dietrich – er hatte das eingefädelt – bei Paramount. In Berlin rechnete niemand, sie eingeschlossen, mit einem Erfolg des „Blauen Engels“. Daher hatten die Ufa-Bosse, die dem Projekt ohnehin misstrauten und einen perfiden Angriff auf die Symbolgestalt des deutschen Lehrers vermuteten, die Option auf einen weiteren Dietrich-Film nicht wahrgenommen – ein kapitaler Fehler, wie sich am 1. April 1930 bei der Premiere im Gloria-Palast am Kurfürstendamm zeigte. Allein 300 Privat-Karossen von Premierengästen waren angerollt, sogar Alfred Hugenberg, erzkonservativer Medienmogul und Besitzer der Ufa, war da – ein gesellschaftliches Ereignis allererster Güte. Der Abend wurde zum überragenden Erfolg.

Für die Dietrich bedeutete der Tag des Triumphs zugleich den Abschied von Berlin. Noch in der Nacht ging es nach Bremerhaven. Als sie Ende 1930 noch einmal zurückkehrte, hatte sie in Hollywood schon zwei Filme gedreht. Niemand würde sie dort noch, wie bei ihrer Ankunft die „Los Angeles Times“, als „Malena Dietrich“ begrüßen. Ja, in Berlin sollte sie nun selbst, als Tochter der Stadt, die es geschafft hatte, den größten Filmkomiker aller Zeiten, Charlie Chaplin, auf dem Bahnhof Friedrichstraße empfangen, als er am 9. März 1931 kam, um „Lichter der Großstadt“ vorzustellen. Tausende hatten die gleiche Idee. Da hat sie Charlie leider verpasst.

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