Berlin : "Die Operette lebt": Leichte Muse im Café-Théâtre Bellevue

Frederik Hanssen

So leicht ist die leichte Muse nicht kaputtzukriegen: Bei einer Forsa-Umfrage unter über 1004 Berlinern wollten 87 Prozent ihr Metropol-Theater wieder, 52 Prozent unbedingt als Operettenhaus. Die Politik wird sich kaum darum scheren. Keinen Pfennig will die große Koalition mehr für das Metropol springen lassen, statt dessen soll das marode Gebäude für eine Mark an einen Musical-Investor verkloppt werden. Also bleibt der obdachlosen Muse nichts anderes übrig, als bis auf weiteres bei Freunden unzerzuschlüpfen. Derzeit beherbergt sie das café-théâtre Bellevue "Die Operette lebt" (10., 12. und 14. August, jeweils 20 Uhr). Das Ambiente des Hinterzimmer-Konzertsaals ist durchaus operettentauglich: Man sitzt bei Teelicht-Schein an kleinen Tischen und kann bei Bedarf Zuflucht bei alkoholischen Getränken nehmen. Beim Tenor Werner Heinen besteht dazu kein Grund, denn der charmante Zarewitsch-Typ überreizt seine kernige Stimme nie - und hat für den Lehár-Kracher "Dein ist mein ganzes Herz" sogar noch eine Portion Extra-Stimmpower parat. Seine Partnerin Clarissa Tobolka dagegen ist dem Irrglauben verfallen, es genüge, sich einen Schliz ins grünsamtene Kleid zu machen, um Operettendiva zu sein. Jenseits der Mittellage klingt ihr Sopran aber gefährlich dünn, Haltetöne werden vom Vibrato gnadenlos niedergerungen. Da hilft wohl nur ein Fachwechsel, denn an musikalischem Gespür und Bühnenpräsenz mangelt es ihr nicht: So werden dann auch die Songs aus Gerd Natschinskis "Mein Freund Bunbury" zum Hit des Abends. Überhaupt: Sollte die leichte Muse in Berliner jemals wieder eine Heimstatt bekommen, gebührt den Werken des besten DDR-Operettenschreibers ("Messeschlager Gisela") dort auf jeden Fall ein Ehrenplatz!

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