Berlin : Die Opfer haben immer noch Angst

Sieben Jahre Haft für 27-jährigen drogensüchtigen „Spritzentäter“

Kerstin Gehrke

Bei jeder Zeugin entschuldigte sich der Angeklagte. Mit Leidensmiene beteuerte der hagere Mann: „Ich kann Ihnen die Angst nicht nehmen, es tut mir sehr Leid.“ Casian B. ist der Mann mit der „Aids-Spritze“. Innerhalb von 13 Tagen überfiel er im September dieses Jahres 13 Geschäfte. Er drohte mit einer Spritze, er sagte, er habe Aids und nichts zu verlieren. Casian B. wurde als gefährlicher Räuber Stadtgespräch. „Ich war immer im Drogenrausch“, sagte der 27-Jährige gestern vor dem Berliner Landgericht. „Ich weiß aber, dass ich niemanden gestochen habe.“

Insgesamt rund 3000 Euro hatte der gebürtige Rumäne bei den Überfällen in Schöneberg, Treptow, Mitte, Köpenick und Friedrichshain erbeutet. Immer wieder hatte der kränklich aussehende Mann mit einer Spritze gedroht, die mit seinem Blut gefüllt war. Aids hat er nicht, aber in seinem Blut wurden Antikörper des Hepatitis-C-Erregers nachgewiesen. Das sei ein „perfides, infames Vorgehen mit einer kaum zu steigernden Drohung“, befanden die Richter. Wegen schweren Raubes verurteilten sie Casian B. zu einer Haftstrafe von sieben Jahren. Gleichzeitig ordnete das Gericht seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Die Staatsanwaltschaft hatte sogar neun Jahre Haft für die „ungewöhnlich bösartigen“ Taten verlangt.

Vor jedem Überfall hatte er sich Rauschgift gespritzt, von dem er einen Teil mit seinem Blut mischte und in der Spritze ließ. „Ich habe Aids, und dann hätte ich gerne noch die Kasse“, sagte er beispielsweise in einer Apotheke in Friedrichshain. Die Apotheken-Angestellte Sandra L. gab ihm Geld. Sie sei geschockt gewesen, sagte sie als Zeugin aus. Die Angst von damals habe bei ihr Spuren hinterlassen. „Und ich weiß jetzt, dass Drogenabhängige zu allem fähig sind.“ Dazu nickte der mehrfach vorbestrafte „Spritzenräuber".

Seine Drogenkarriere begann auf der Hauptschule. Vor knapp drei Jahren kam er von Dortmund nach Berlin. Nach einer Therapie. Er habe ein „ganz neues Leben“ beginnen wollen, sagte der gelernte Schlosser. „Aber ich war nicht stark genug, clean zu bleiben.“ Als seine Freundin „immer dominanter“ wurde, immer „zielstrebiger“ ein gemeinsames Leben mit ihm aufbauen wollte, sei er rückfällig geworden, zuletzt mit bis zu 15 Spritzen am Tag, für die er sich Geld beschaffen musste. Mit professioneller Hilfe könnte er einen Entzug schaffen, meinte der geständige „Spritzenräuber“. Seine Entschuldigungen waren aus Sicht der Richter kein Lippenbekenntnis; die psychischen Folgen für die Opfer der Überfälle wirkten sich aber strafschärfend aus.

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