Berlin : „Die Opfer kommen zu kurz“

Sind 14 Jahre Haft für zwei Tötungen gerechtfertigt? Das Urteil gegen Oliver A. provoziert Widerspruch

Lars von Törne

Für die Angehörigen der Opfer und auch für manchen Beobachter ist es ein „Skandal“. Statt lebenslänglich bekommt ein Wiederholungstäter gerade mal 14 Jahre Haft, nachdem er im Rausch zwei ihm völlig unbekannte Menschen tötete? Das Urteil des Landgerichts vom Donnerstag hat bewegte Reaktionen provoziert: „Die Hinterbliebenen sind mehr als enttäuscht über dieses täterbezogene Urteil“, sagt Regina Geis vom Opferhilfsverein Weißer Ring. „Wie meist in solchen Fällen kommen die Opfer zu kurz.“

Aus Sicht der Rechtsanwältin Adelaide Stronk, die früher Richterin war und jetzt vor allem Verbrechensopfer vertritt, zeigt das Urteil ein generelles Problem auf: „In Deutschland wird Alkoholisierung generell als mildernder Umstand gewertet – während es zum Beispiel in Italien zu einer Strafverschärfung führen kann.“ Angesichts einer maximal möglichen zeitigen Haftstrafe von 15 Jahren seien die jetzt verhängten 14 Jahre schon „ein hohes Strafmaß“ für eine solche Tat. Zwar könne aus Sicht der Angehörigen von Verbrechensopfern keine Strafe hoch genug sein. Aber für eine Verurteilung wegen Mordes müsste die Tat aus niederen Beweggründen oder ähnlichen Motiven begangen worden sein, was im Falle einer erheblichen Alkoholisierung nicht einfach angenommen werden könnte.

Der 33-Jährige war, wie berichtet, im August 2001 durch ein Fenster in das Haus des ihm völlig unbekannten Ehepaars in Weißensee eingedrungen. Dort stach er nach seiner Entdeckung durch die Bewohner zunächst die 32-jährige Frau nieder, anschließend tötete er ihren 62-jährigen Ehemann mit mehreren Messerstichen.

Um als Mörder verurteilt zu werden, hätte Oliver A. im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein müssen, betont Andreas Wattenberg von der Vereinigung Berliner Strafverteidiger. Da der Täter jedoch betrunken und im Drogenrausch war, „war er nicht nur vermindert schuldfähig, sondern es fehlten auch die Mordmerkmale: Heimtücke, Habgier oder andere niedrige Beweggründe.“ Das bedeute allerdings nicht, dass sich nun einfach jeder andere ebenfalls betrinken und dann jemanden töten kann, ohne des Mordes angeklagt zu werden, betont Wattenberg: „Wer einen Tatplan fasst und sich betrinkt, der wird trotzdem wegen Mordes verurteilt.“ In dem aktuellen Fall lag aber eben kein Tatplan vor. „Wichtig ist, ob dem Angeklagten bewusst ist, was er da tut.“ Wattenberg sagt, man müsse „neben dem Ergebnis der Tat auch berücksichtigen, was in so einem Mann vorgeht“. Strafrecht könne das Leid der Hinterbliebenen nicht ungeschehen machen. „Aus Sicht der Angehörigen wird es sowieso nie eine zufriedenstellende Strafe geben.“

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