Berlin : Die orangene Evolution

Eine Farbe wird beliebter und beliebter. Jetzt bekommt sie eine eigene Ausstellung in Steglitz.

Kolja Reichert

Berlin ist ja schon lange eine sehr orangene Stadt, dank der mehr als 20 000 Mülleimer der Stadtreinigung. Aber so orange wie jetzt war sie noch nie. An jedem dritten Laternenmast prangt die Signalfarbe, mit der sich anscheinend jeder identifizieren kann: CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger mit dem Hundeblick genauso wie die gut gelaunte WASG-Kämpferin Lucy Redler. Orange tut keinem weh, es ist die Farbe, die am besten geeignet ist, um allen aufzufallen und zugleich nichts zu sagen.

Jeder macht mit ihr, was er will, hat Sabine Weißler vom Kulturamt Steglitz festgestellt. „Orange transportiert immer nur das, was man ihr zuschreibt.“ Unzählige Geschichten kann die Farbe erzählen, und Weißler hat Bände von Zeitungen und Zeitschriften gewälzt und Keller durchstöbert, um sie zu sammeln. Ab heute sind die Ergebnisse in der Ausstellung „Mein Orange“ in der Schwartzschen Villa in Steglitz zu sehen.

Orange kehrt immer wieder. Schon in der Weimarer Republik, die man sich als Spätgeborener ausschließlich schwarz- weiß vorstellt, war Orange eine Modefarbe. Heute erinnert Orange vor allem an die siebziger Jahre, die Zeit der Autobomben, Flugzeugentführungen und Pril-Blumen. Aus dieser Zeit stammt auch das erste farbige Telefon: Es war orange. Die Mode war bunt und kindlich-unbefangen, ganz im Widerspruch zur inneren Unsicherheit. Um den Kontrast zu zeigen, hat Weißler in der Schwartzschen Villa ein Foto der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ direkt neben eines der legendären Hamburger „Spiegel“-Kantine gehängt, die von den Lampen über die Wände bis zu den Stühlen psychedelische Orangetöne trägt. „Wenn man die sieht, versteht man deren Schreibstil besser“, scherzt Weißler. In anderen Ländern ist die Farbe noch politischer, auch wenn sich wahrscheinlich nie ein internationaler Farbcode durchsetzen wird: In Holland steht sie für die Monarchie und damit für Beständigkeit, in der Ukraine für das Volk und seinen Widerstand. In einer Truhe ist „Revolutions-Merchandising“ ausgestellt: Orangene Schals, orangene Tassen, orangene Kalender. Sabine Weißler hat die orangenen Siebziger als Kind erlebt. Doch will sie die Ausstellung nicht als persönliche Vergangenheitsbewältigung verstanden wissen. „Mir war das Politische wichtiger.“

Viele Gegenstände der Ausstellung zeugen von der „Retro-Problematik“, der ewigen Wiederkehr der Modetrends. Seit einigen Jahren ist orange wieder in, die „Creme 21“ kehrte zurück, das ZDF wurde orange, und selbst die schwarze CDU rückte Richtung rot. Kurz nach der Wende machte auch der Verfassungsschutz mit einer Image-Kampagne auf harmlos. Ein Beispielstück findet sich in der Ausstellung: Ein Büroklammermagnet in orange.

Die Ausstellung ist ab heute bis 15. Oktober in der Grunewaldstraße 55 in Steglitz zu sehen. Di.-Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 14 bis 18 Uhr. Infos unter 902992302.

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